Ausgewurstet am Ostkreuz

Ich mag solche Orte.

Undankbar platziert am Rand der Baustelle am Ostkreuz in unmittelbarer Nachbarschaft zum langsam aus dem Dornröschenschlaf erwachenden Kiez um die Sonntagsstraße steht eine uralte Wurstbude mit dem Namen „Wurstland“. An dieser Wurstbude findet man allerdings – selten genug in dieser Gegend – keine hippen Chai-Latte-White-Chocolate-Woccochino-FlicFlac-New-York-Cheesecake-Flavour-Schlürfer mit Macbook, keine Ansammlungen italienischer Touristen – Mittags um zwölf aus dem Bett des nahegelegenen Hostel gefallen und gleich plärrend durch den Kiez ziehend – und auch keine Mütter, die seit Stunden vor ihrem Glas Wasser sitzend mit dem Triple-Kinderwagen gleich fünf Sitzplätze gleichzeitig blockieren.Und warum nicht?

Hier wird man nicht gesehen.

Nein, leider, sitzen, nichts tun und dabei wichtig aussehen kann man hier an der Wurstbude nicht. Man kann nur stehen und das auch nur an zwei öligen Bistrotischen, die meistens vom Stammklientel der das neue Ostkreuz aufbauenden Arbeiterschaft belegt sind und die dem Unbeteiligten einen kleinen Einblick in die alltäglichen Probleme der Großbaustelle Ostkreuz erlauben:

„Mann mann mann, die ham schon wieder die falschen Schrauben jeliefert, können die Träger heute wieder nich ranjemacht werden.“

„Boar ne ey. Wenn det so weiterjeht, könnense sich 2017 uffs Klo najeln.“ (Anmerkung des Übersetzers: 2017 = Geplante Fertigstellung des Ostkreuz)

Und natürlich der im Land der Führungsnieten überall gern gegebene Klassiker: „Der Chef hat kein Schimmer von jar nüscht, die Pfeife.“

„Meiner auch nich…“ brumme ich in meinen Bart, beiße in die polnische Knackerwurst, die ihre warme Flüssigkeit exakt beim Vorbeischweben der Blonden aus der Friseurklitsche nebenan unvorteilhaft gegen meine Backe spritzt, während die Ketwurst ein paar Minuten später – gerade in dem Augenblick, als die Brünette vom Bäcker aus der Sonntagsstraße kurz rüberschaut – ihren Ketchup als dicken Klecks vorne auf mein hellblaues Hemd kleckert. Fuck you, Karma.

Ich mag diese Bude, vor allem jetzt, wenn sie aufgrund der unvorteilhaften Änderung der Laufwege auf der Ostkreuz-Baustelle mitten im Nichts ohne jegliche Laufkundschaft hilflos in der Ecke rumsteht, wo sie nur Bauarbeiter und Menschen mit Blick für Peripherie wahrnehmen. Unprominent. Unprätentiös. Unaufgeregt.

So bleibt nur noch die Frage, wohin die Wurstbude gehen wird, wenn die Arbeiter vom Ostkreuz wieder zurückkehren in ihre Silos in Reinickendorf und Hohenschönhausen und die Touristen und diese ganzen furchtbar wichtigen Menschen mit ihren Macbooks auch das Ostkreuz in Beschlag nehmen werden.Sie kriecht ja schon ran, die Glasbetonwüste. Die ersten hippen Cafés sind auch schon da. Lange wird’s nicht mehr dauern.

Dann muss sie gehen.


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