Nico Semsrott: Freude ist nur ein Mangel an Information

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Nico Semsrott heißt der Depressive, der heute ins BKA-Theater nach Kreuzberg geladen hat, zu einem von insgesamt drei Terminen.

Nico Semsrott heißt der Neurotiker, den sie seit einem Jahr durchreichen, von Extra3 über Stefan Raab bis zur Anstalt im ZDF, er ist der mit dem Tod, der mit den Niederlagen, der, auf dem sie in der Schule immer rumgehackt haben, der mit dem Sarkasmus, der mit dem immer nur angedeuteten Lächeln, das er auf dieser Reise durch die Tiefen des Lebens nie verliert.

Nico Semsrott heißt der Misanthrop, „Freude ist nur ein Mangel an Information“ heißt sein Programm und der Titel gibt den Inhalt so passend wieder, dass ich mich wundere, dass heute zwei alte Kabarett-Schachteln neben mir sitzen, die mich – ohne dass ich gefragt habe – über das tragische Unglück informieren, dass die Wühlmäuse heute gar keine Vorstellung haben und man deshalb hierfür einfach mal blind Karten gekauft hat.

Semsrott wird ihr Humor nicht sein, ich war mir noch nie so sicher.

Die beiden alten Schachteln werden die nächsten zwei Stunden jede dritte Pointe kommentieren und zwischendrin Nichtigkeiten aus ihrem Witwendasein austauschen, das im Wesentlichen aus dem Verjucken der Kohle ihrer längst abgekratzten Männer besteht, wie ich mir aus den Wortfetzen zusammenreime.

Tod, Krankheit, Depression, Untergang – da hat er die Themen, die Euch die nächsten letzten Jahre beschäftigen werden, ja mal richtig gut abgedeckt, lache ich in mich hinein, als der Künstler im schwarzen Kaputzenpulli auf die Bühne schlurft.

Er macht das gut, er ist noch unsicher – so jung wie er ist -, doch spielt die Unsicherheit mit nonchalanter Selbstironie weg. Ich habe ihn bisher immer mal wieder für fünf, maximal zehn Minuten in irgendwelchen anderen Shows oder auf YouTube gesehen und war mir nicht sicher, ob die düstere Gemengenlage für zwei Stunden tragen würde, aber sie tut es erstaunlicherweise. Er spielt mit dem Thema, er lässt es nie zu schwer, nie zu derb, nie zu ernst werden, und so bleibt immer noch die Leichtigkeit, mit der er als junger Mensch schwere Themen wie diese stemmt – in dieser Rolle des verklemmten Außenseiters, die er hierfür eingenommen hat.

Der Auftritt teilt sich in zwei Teile, die sich ständig abwechseln. Steht er auf der linken Seite der Bühne, fängt er an zu kramen, verliert sich in philosophischen Gedanken, bringt Ernsthaftes unter, regt zum Nachdenken an, immer wieder nimmt er sich selbst auf die Schippe, wenn er sich mal verliert und bemerkt, dass die zwei Minuten ohne Pointe doch dazu geführt haben, dass er auch einen Teil seines Publikums verloren hat.

Dann wechselt er auf die rechte Seite, wo er kurzweilige PPPPP (PutzigPositivePowerPointPräsentationen) abspielt, die nur oberflächlich gesehen oberflächlich sind.

In diesen PPPPP steckt viel: Kapitalismuskritik, Wachstumskritik, Gesellschaftskritik, vieles versteckt, manches offen.

Die meisten lachen beim Kaninchenbild oder anderen kleinen Gimmicks, was immer mal wieder den harten Stoff auflockern soll und auch an diesem Abend seinen Zweck erfüllt. Er spielt zwischen Tiefe und Leichtigkeit, das ist nicht einfach und nicht immer schafft er es ohne zu stolpern.

Am Schluss, wenn alles vorbei ist und der Saal rhythmisch klatscht, sieht man ihn tatsächlich befreit lächeln, erleichtert irgendwie, gelöst. Kurz blitzt er da auf, der Mensch hinter der Rolle. Und er ist noch so jung. Und so gut.

Ich weiß nicht, ob er damit durchkommt, ob er tatsächlich den Durchbruch schafft, ich fürchte nicht. Depression ist nicht mehrheitsfähig.

Doch mich hat er überzeugt und die alten Kabarett-Schachteln neben mir zu meiner völligen Überraschung auch, die sich nach der Veranstaltung mehrmals ihres Glücksgriffs versichern. Sie fanden ihn wirklich gut. Seltsam. Ich unterschätze manchmal komische Menschen, die ich ulkig finde und deshalb für beschränkt halte – kein schöner Zug, aber wenigstens merke ich es selber.

Was bleibt? Nico Semsrott ist Minderheiten-Comedy, ach nein, er ist eigentlich gar keine Comedy, er ist einfach erfrischend rabenschwarz, so linkisch er auch daherkommt, immer kurzweilig und zu meiner Freude so weit weg von der ganzen gesammelten Blödheit, die sich von RTL bis Satire Gipfel so alles Comedy und Kabarett nennt.

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Nur eines, BKA-Theater: Der Satz „Sie werden pla(t)ziert“ weckt unangenehme Erinnerungen an Versorgungseinrichtungen damals im Osten und dünstet Grilletta, Broiler und Würzfleisch aus. Er stimmt auch nicht, der Satz, im Grunde herrscht im BKA-Theater freie Platzwahl in zwei Kategorien – einmal billig für den Pöbel ohne Tisch und einmal teurer für die Bonzen mit Tisch. Ich Bonze saß am Tisch. Macht aber auch keinen großen Unterschied. Hatte ich eben einen Tisch. Konnte ich die Eintrittskarte drauf ablegen. Verrückt.

Man sollte sich Nico Semsrott anschauen, wenn man die Gelegenheit dazu hat und ein wenig morbid veranlagt ist. Ich finde, es lohnt sich und er hat es verdient.

Er ist mit diesem Programm noch bis Ende 2014 auf Tour.


http://nicosemsrott.de/