Bier kaufen in Naziland

Berlin-Schöneweide. Wilhelminenhofstraße. In einer der unzähligen Spätkaufbuden sitzt einer kurz vor Mitternacht sinnlos hinter einer Theke herum. Sitzt da und äugt. Bleich, die Poren rot, die Augen aderig. Und äugt, auf dass ich keinen Sechserträger Bier unter meinem Mantel verstecke und dann rausgehe. Es ist fast körperlich zu spüren, dass man mich hier nicht kennt. Misstrauen ist manchmal so greifbar.

Hinten im Raum auf einer Empore hinter dem halbvollen schmuddeligen Getränkekühlschrank lungern an diesem Wochenende kurz vor Mitternacht andere Debile herum und starren auf traurige speckige Monitore. Wahrscheinlich schauen sie sich hier, seit DSF nachts keine Sexy Sportclips mehr sendet, nackte Frauen an, weil die Alte zuhause den ganzen Tag vor Facebook hängt und Ersatzleben spielt. Es kann nicht anders sein. Nicht hier. Nicht an diesem trostlosen Ort in diesem trostlosen Stadtteil.

Draußen gröhlen Jugendliche Landserlieder, einer brüllt in schlechtem Deutsch, dass sein Opa „Sturmführer in die SS“ war. Das geht schon rein biologisch nicht, klugscheiße ich in mich hinein, es muss der Uropa gewesen sein, der zum Glück für die Welt schon lange den Märkischen Sand düngt. Aber das kann er nicht wissen, der kleine sprachgehandicapte Nazi mit der Sternburg-Pulle am Schandmaul.

Stimmt, ja, jetzt fällt es mir ein: Um die Ecke ist diese Faschokneipe, Zum Henker, von der man immer wieder in der Zeitung liest. Naziland. National befreite Zone. Hier sagt man noch Neger oder augenzwinkernd-semiironisch „maximal pigmentierter Mitbürger“ und lacht dann hämisch.

Mich friert.

Es gibt kein gutes Bier hier zu kaufen, überhaupt nur weniges, was man guten Gewissens zu einer Party mitbringen kann. Kindl. Schultheiss. Berliner Pilsener. Und Sterni. Die Pferdepisse. Natürlich. Veltins mit Energy, Veltins mit Curuba, Veltins mit Cola, billigster Fuselrum, übelster Dornfelder-Weinabfall, kistenweise Pfläumli und Whiskysahne, Babalou, Jägermeister auf jeden Fall – schon allein wegen der Frakturschrift.

Wenn ich all das täglich an diesem Ort saufen müsste, während pausenlos RTL 2 in der Flachbildglotze läuft, der Aschenbecher überquillt, ich vom täglichen Gammelfleischdöner für 1,99 langsam fett werde und mein Partner im Wochentakt jemand anderen im Vollsuff vögelt, würde ich vielleicht auch irgendwann so stumpf wie die verquollenen Säufer gegenüber an der Tramhaltestelle, die als Höhepunkt eines weiteren verschenkten Tags eine Pulle Wodka von Netto kreisen lassen.

Hirn nutzt sich ab mit der Zeit, wundgeschossen von Unterschichtenfernsehen, Alkohol und der unheilvollen Gesellschaft der kaputten Seelen anderer Zeittotschläger, die hier alle gemeinsam sediert ihrem gnädigen Tod entgegen vegetieren.

Ich kaufe Becks, den kleinsten Nenner, den man auf eine Party mitbringen kann, ohne sich zu blamieren.

„Hi.“

„Wat?“

„Hi.“

„Wat hi?“

„Hi wie Hallo.“

„Hallo. Neunsechzig.“

Ah, danke, ich sehe schon, hier sagt man höchstens „Hi“ als Bestandteil von Heil Hitler, aber nicht als isolierten Gruß. Es wird wenigstens noch deutsch gegrüßt, wenn schon nicht mehr so gut gesprochen.

Vom Sprachlehrer hinter der Theke dergestalt erzogen trete ich hinaus in die Nacht und entferne mich von einem nicht ganz textsicher vorgetragenen Horst-Wessel-Lied, das einer der Verlierer vor der Tür dieses traurigen Spätkaufs in die Welt rülpst.

Von der Bausubstanz her eine schöne Gegend, Schöneweide, denke ich, als das deutschnationale Liedgut langsam hinter mir verhallt. Eigentlich. Nur von dem, was drin wohnt und sich hier rumtreibt, völlig entkernt und seiner Würde beraubt.

Und dann bin ich froh, wenn doch mal ab und zu noch eine S-Bahn fährt, die dafür sorgt, dass ich von hier schnell wieder wegkomme, wenn ich genug Dunkeldeutschland inhaliert habe.


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