Hoeneß – Ein Zwischenruf

„Da begann die Hölle für mich“

Wer an einem praktischen Beispiel die Doppelmoral der medialen Schlachtrösser von Zeit, Spiegel bis Bild vorgeführt bekommen möchte, je nachdem welcher gesellschaftlichen Schicht der Betroffene angehört, der verfolge die aktuelle Berichterstattung des Mainstreams über Uli Hoeneß und erkenne das System.

Nach zwei Tagen pflichtgemäßer Empörung darf er sich nun reinwaschen, der Millionär. Von Bild bis Zeit. Von B.Z. bis Welt. Er macht die Hölle durch und jeder soll es wissen.

Jeder Hartz-IV-Empfänger, der im Stützeformular bescheißt, eine geschenkte Zahnbürste verschweigt oder den alten Sparstrumpf von Omma selig unterschlägt, jede Schlecker-Frau, die nicht schnell mal umgeschult als Erzieherin arbeiten möchte, jede Kassiererin, die einen Pfandbon einsteckt, wird durch den medialen Schlamm gezogen – ohne sich danach reinwaschen zu dürfen. Und immer wird entrüstet der Zeigefinger erhoben: So geht es mit Deutschland zu Ende, so wird beschissen, der Pöbel, der Pöbel, ach weh, ach weh, was ist das für ein asoziales Volk. Die da unten. Da unten. Immer nach unten treten, da leben die Drecksäcke, immer drauf, immer feste, immer Schlagzeile. Florida-Rolf! Denkt an Florida-Rolf! Die Sau!

Uli Hoeneß ist dagegen nur ein kleiner Sünder, lese ich heuer. Nicht der Rede wert. Dafür macht er die Hölle durch. Dieser furchtbare Sturz vom Vorbild zum Buhmann, so lasset doch ab, so höret doch auf, der arme Mann! Spielsüchtig ist er, lest ihr das nicht? Spielsüchtig. Und damit schuldlos. Man kann ihn gar nicht verurteilen, weil er gar keine Schuld hat. Spielsüchtig. Nicht Herr seiner selbst. Ferngesteuert. Ein Zocker-Zombie. 500 Millionen. 50 Millionen. 50.000. Mal hier, mal da. Was kostet die Welt? Überblick verloren. Neuer Markt. Immo-Bubble. Wer schaut da schon durch? Der arme Mann! Hat sich verheddert! So helft ihm doch!

Die unterschiedliche Behandlung durch den Klassenjournalismus ist kein Zufall. Oder hat jemand je von einem aus dem Prekariat gehört, der sich bei Zeit, Spiegel oder Bild außerhalb des Feuilletons über mehrere Seiten von seinen Schandtaten reinwaschen durfte? Ein Asylbewerber etwa, der seinen zugewiesenen Bezirk verließ und den man aufgegriffen hat („Schwarzarbeit, ja. Ich hab es für meine Familie getan.“)? Oder ein Hartz-IV-Empfänger, der das Weihnachtsgeld von Tante Jenny nicht angab und erwischt wird („Es reicht nicht, sorry, es reicht einfach nicht.“)?

Nein?

Aber der Millionär bekommt den standesgemäßen Platz. Prominent platziert. Zwei Tage, nachdem er damit anfangen muss, seine vollen Steuern zu zahlen. „Da begann die Hölle für mich.“

Zwei Schichten – zwei Moralmaßstäbe. Kein Zufall.

Das Schlimme ist nicht, dass die oberste Schicht das macht und sich der Klaviatur der Medien bedient, die ihr gehören. Das ist nicht schlimm. Wer zahlt, schafft an. So ist das und das ist okay.

Nein, das Schlimme ist, dass es wirkt. Ich höre schon wieder diese Sätze tagsüber auf Arbeit und abends im Freundeskreis wie bei Guttenberg damals: „Man muss doch mal die Kirche im Dorf lassen.“, „Jeder bescheißt bei der Steuer.“, „Er hat so viel Gutes getan.“, „Das ist doch kein Verbrecher.“, „Diese Hexenjagd“…

Es wirkt. Die Kampagne rollt gerade an. Nicht schuldig, Euer Ehren. Wir plädieren auf Spielsucht. Leider nicht schuldfähig. Ein kranker Mann. Kann man nicht verurteilen. Geht nicht. Der kann nix dafür. Gutachter anyone?

Und so warten wir auf die nächste Sau, die in zwei, vielleicht drei Tagen zur Ablenkung über den Boulevard von Spiegel bis Bild gejagt wird. Wahrscheinlich wird es ein Hartz-IV-Empfänger sein. Oder ein Ausländer. Ausländer gehen immer. Oder sonstjemand, der irgendwo da unten im Prekariat bei den Asozialen rumkreucht. Irgendein RTL2-Volk. Mitten im Leben. Ein rauchender und saufender Stützeempfänger, der seine Kinder schlägt. Oder eine alleinerziehende rauchende und saufende Minijobberin, die mit fünf verschiedenen Kerlen acht Kinder hat, die zuhause nur Brotrinde zu fressen kriegen. Oder so. Irgendwen werden sie schon ausgraben. Nur einen Millionär bitte nicht. Mit denen sind wir durch. Die Armen, die müssen wir nun erst mal schonen. Nach der Hölle, die sie durchgemacht haben.

 

 

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