Lauf RBB Lauf!

Potsdam. Drittelmarathon. RBB-Lauf. Grmpf, zu spät da. Und wie immer das gleiche Bild: Vorne im Feld stehen alle diejenigen Poser sinnlos herum, die Minuten nach dem Start ganz unglaublich schnell sind, aber nach zwei Kilometern völlig entkräftet zurückfallen, den schäbigen Rest des Laufs nur noch Hindernisse sind und leiden und noch mehr leiden und nicht aufhören mit leiden.

Ich erkenne diese Gestalten schon vor dem Start – jahrelange Übung: Blutjung, gerne im Pulk, große Fresse, entweder muskellos-dürr oder leicht übergewichtig und die untrainierten Füße in Chucks-Fakes von Deichmann oder in Adidas Samba, was sich nach zwei Kilometern in den Knöcheln und später in den Waden rächt. Es tut schon beim Zuschauen weh.

Sie winken ihren Müttern, ihren Frauen. Posen für die Fotos. Diese Zuversicht. Dieser Hochmut. Dieses Nichtwissen um die Schmerzen, die kommen werden.

Ich stecke mir ein Bananenbrot in die Zahnlücke und schaue mich um. Auch die üblichen Verdächtigen sind da, die sexlosen Mittvierziger-Angeber im aerodynamischen Presswurst-Ganzkörperkondom, ausgestattet mit Cockpituhren am Oberarm, von wo aus Puls, GPS-Position und Darmtätigkeit überwacht werden – eitle Poser mit ninjaturtleartigem Gürtel in ninjaturtleartiger Farbe, an dem die Verpflegung einer kompletten Antarktis-Expedition baumelt: Powerriegel, Iso-Getränke und Geltüten für den großen Hunger zwischendurch – der ganze Ballast für diese lausigen 14 Kilometer Drittelmarathon. Wahrscheinlich halten diese Einzelkämpfer die Stadt Potsdam für die Sahelzone und sich selber für James Cook.

Und auch die Walker sind da, diese Bürohengste mit ihren immerschweren Knochen, die das Hinterherziehen von Stöcken beim Spazierengehen ernsthaft für Sport halten und sich kraft eigener Wichtigkeit natürlich nie hinten im Feld einordnen, wo sie hingehören, sondern möglichst weit vorne, wo sie Hindernisse sind. Heute müssen sie ihre Spanferkelspieße zuhause lassen – immerhin.

Peng, los geht’s.

Los geht’s?

Hallo?

(…)

Nix los geht.

Alles steht.

Still.

Auch wenn ich jetzt los will.

Nix läuft bei mir hinten im vorletzten Startblock. Da stehe ich. Wahrscheinlich als der einzige ehrliche nichtwalkende Idiot, der sich nicht direkt hinter die Startlinie zu den Gazellen gemogelt hat. Um mich herum nur die Altersgruppen M75-110 und ein Idiotenvater mit Babyjogger – das arme Kind.

Nach zehn Minuten walke ich über die Startlinie. Ab jetzt läuft die Zeit. Tick. Tack. Ich walke immer noch. Alle anderen auch. Um mich herum wuseln endorphinausschüttende Jugendliche im Slalom in einem irrwitzigen Tempo, das ihnen eine Viertelstunde später auf die Füße fallen wird. Ich sehe es ja kommen und freue mich darauf, sie wieder einzusammeln, wenn sie keuchend am Rand der Fahrbahn entlanghecheln und mit Tomatenkopf, Seitenstechen und übersäuerten Muskeln kein bisschen Eindruck mehr auf die Blondinen machen, mit denen sie gestartet sind und mit denen ich sie nur kurz nach ihrem sinnlosen Sprint wieder einhole.

Ich halte mich an Oleg. So nenne ich den Zwei-Meter-Mann mit dem prägnanten Nicolai Valujew-Gedächtnisschädel vor mir, der sich mir als Leuchtturm anbietet und ungefähr mein Tempo läuft. So langsam lichten sich die Reihen, ich finde mit Oleg gemeinsam eine Gruppe in unserem Tempo, eine verbiesterte Sigourney Weaver ist dabei, ein verhärmter Sozialkundelehrer-Lookalike – beide sehr bemüht – und ein Harry-Potter-Gesicht, das sich ganz viel Mühe gibt, nicht schneller als seine Eltern zu laufen, die neben ihm fast kotzen, aber so tun, als hätten sie die Lage hier im Griff.

Ich sehe mich um und stelle wieder einmal fest, dass es eine unheimlich schöne Strecke ist, hier in Potsdam, durch die Fußgängerzone mit dem Brandenburger Tor, an der Havel entlang, den neuen Hauptbahnhof gestreift, bevor es dann nach Babelsberg an den Studentenkneipen vorbei geht in Richtung Park.

Ich sehe aber irgendwann nichts mehr davon, weil mir der Schweiß in die Augen läuft. Augenbrauen sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren.

Oleg ist außerdem ein Verräter, ein Spalter, ein Klemmer und geht an einem der zahlreichen Wasserstände was trinken. Für mich ein herber Verlust. Mein Leuchtturm ist weg, ich muss Ersatz suchen und finde den Pferdeschwanz einer Gazelle, der im Takt mit pfirsichgleichen Arschbacken hin und her wippt, was mich völlig paralysiert und meine schwer gewordenen Beine ausknipst.

Die Schlussetappe zum Park Babelsberg ist mein Killer. Immer. Es geht leicht aufwärts. Lange Zeit. Hölle. Die Gazelle rennt mir davon. Kein Pfirsich mehr. Kein Pferdeschwanz. Weitere Gestalten, die ich bereits als deklassiert wähnte, überholen mich, auch dieser gegeelte Angeberarsch in seinem Triathlon-Outfit, den ich die ganze Zeit auf Distanz halten konnte und der mich jetzt am Anstieg eiskalt grinsend vernascht.

Ächz. Diese Strecke mit ihrem gnadenlosen langgezogen ansteigenden Finale bis zum Park Babelsberg muss sich ein Sadist ausgedacht haben. Ich werde langsamer und bin selber schuld, weil ich sie wieder unterschätzt habe, diese fiese Steigung zum Schluss, weil ich ja unbedingt den Triathlon-Ficker hinter mir lassen wollte und wieder schneller war, als dauerhaft gut für mich ist. Der alte Anfängerfehler, er holt mich doch immer wieder ein.

Nix glop. Mit 12 Kilometern in den Beinen zieht sich der Anstieg wie die Wartezeit auf dem Bezirksamt Pankow endlos dahin und ich bin jetzt der, der leidet, bis ich dann doch im Fieberwahn die Zielgerade auf der Glienicker Brücke erreiche.

Im Idealfall ist meine Zeit besser als letztes Jahr, denke ich.

Ist sie nicht.

Schade. Auch egal. Eigentlich interessiert mich die Zeit ja gar nicht. Ischwör. Dabeisein ist … fuck you.

Trotzdem: Wenn das mal nicht ein schöner Lauf da ist in Potsdam, der sich mit dem Namen eines fürchterlichen Lokalsenders schmückt – ambitionierter als die üblichen 10-Kilometer-Volksläufe für Altersheim-Freigänger, aber dann doch nicht so zeitraubend, teuer und überlaufen wie ein Halbmarathon – für Nicht-Leistungssportler mit ein wenig Ehrgeiz eine ideale Veranstaltung mit Sightseeing-Bonus. Nächstes Jahr wieder. Und dann wird die Zeit noch schlechter. Jahr für Jahr. Bis ich irgendwann am Start liegenbleibe, weil sich der Rollator in den Straßenbahnschienen verhakt hat.

Prima, RBB! Wäre dein Fernsehen auch nur halb so gut wie dieser Lauf, wäre schon viel gewonnen.


http://rbb-lauf.de/

Fotos im Text aus 2009

 


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