Harz: Der Brockenwirt

Ich steige auf dem Brocken aus der Geisterbahn. Hunger. Großen Hunger. Loch im Bauch.

Es gibt oben auf dem Hügel exakt drei Stellen, an denen man etwas essen kann. Und exakt alle drei gehören dem Brockenwirt. Das lässt Schlimmes erwarten.

An der Außenwand des bunkerartigen Gebäudes steht in großen Lettern „Touristensaal“. Warum fallen mir jetzt nur Begriffe wie „Deppensammelstelle“ oder „Idiotenhalde“ ein? Steht gleich einer hinter der Tür und platziert mich?

Ich betrete den „Touristensaal“ und fühle mich sofort an einen Albtraum von Kantine erinnert. Es gibt Tabletts, speckig, Aluschienen, speckig, auf denen man die Tabletts schieben kann, billigstes Mobiliar, speckig, keinerlei Ambiente und deutsche Küche übelster Machart: Bockwurst, Gulasch, Jägerschnitzel und alle weiteren üblichen Grausamkeiten aller Regionalbahnhof-Ranzbuden dieses Landes.

Der Raum atmet immer noch Politbüro. Ganz klar. Ohne Frage. Die hässliche Fratze des Realsozialismus erhebt hier immer noch ihr untotes Haupt. Das Personal ist irgendwie grau, wortlos muffelig und reagiert nur stoisch bis phlegmatisch auf Ansprache jeder Art. Jede Zelle meines Körpers fühlt sich unwillkommen. Bis in die Haarspitzen. Die Abneigung ist fast greifbar.

Currywurst, Pommes und Kartoffelpuffer mit Apfelmus erscheinen mir bei der finsteren Auswahl das geringste aller Übel.

Falsch gedacht.

Ich habe schon viel Unsinn gegessen, aber das Zeug vom Brockenwirt toppt alles:

Die (ungeschnittene) Currywurst hat aufgrund einer offenbar langen Liegezeit eine bizarre bräunlich-lederartige Epidermis gebildet, die sich vom Fleischbrät im Inneren abhebt und im dadurch entstehenden Zwischenraum teilweise Fäden zieht. Die Lederhaut lässt sich mit den stumpfen Messern nur ungenügend schneiden, der Schrumpf-Brät flutscht dadurch gerne mal vom Teller, wobei er nur unzureichend von der irrwitzigen Unmenge Ketchup gebremst wird und diesen im Raum verteilt.

Der Ketchup ist mit Zumutung noch viel zu sanft umschrieben und schmeckt so irritierend säuerlich, dass ich mir eine Zeitlang Essig als gutgemeinte Beigabe eingeredet habe.

Curry ist mir leider nicht über den Weg gelaufen.

Die Pommes lagen schon, als ich zehn Minuten vor der gruseligen Theke hin und her überlegt habe, ob ich mir das hier tatsächlich antun soll, in einer Wanne bereit und ich realisierte nur Sekunden nach der Bestellung, dass dies mitnichten die Fritten für die Entsorgung sind, sondern meine, jene, die seit langem nur auf mich warten. Sie waren wie erwartet kalt und hart. Natürlich waren sie das.

Und ich hab den Scheiß gefressen. Komplett. Bis auf den sauren Ketchup.

Und weil das noch nicht reicht, lassen sich die Kartoffelpuffer zuletzt in Optik und Geschmack höchstens noch mit Astronautenkost vergleichen, wobei das Zeug selbst ein skorbutbefallener Astronaut auf dem Mond kurz vor dem Verhungern abgelehnt hätte. Sie entstammen hier ganz klar dem Tiefkühler (ich hab letztens bei Lidl einen 20er-Pack für 1,79 Euro gesehen) und ihr fehlender Eigengeschmack kann auch vom billigsten aller Apfelmuse nicht gerettet werden. Furchtbar.

Die Currywurst und die Pommes schlugen mit 6,10 Euro zu Buche. Ohne Getränk.

Hardcore – hier auf dem Hügel, aber sicher, im Privatmonopol kann man es ja machen und die im Schnitt deutlich betagte Besucherschaft kann sich solche Mondpreise nicht nur offenbar problemlos leisten, sondern kennt solche Nährmittel auch noch vom Russlandfeldzug, die schockt nichts mehr.

Ja, hier auf dem Brocken zeigt sich die deutsche Geschmacklosigkeit von ihrer hässlichsten Seite. Ich könnte mir Gummi-Bockwürste rechts und links um die Ohren hauen, dass ich nichts zu Essen mit an diesen grauenhaft ungastlichen Ort in der Harzer Höhe genommen habe.

Im Vergleich zu Frankreich zeigt sich übrigens die Kultur- und Niveaulosigkeit der dumpfdeutschen Gastronomiewelt in der unmittelbaren Umgebung von Sehenswürdigkeiten am deutlichsten: Der französische Fremdenverkehrsverband würde einen Sternekoch dazu bewegen, an einem solchen Ort Speisen anzubieten, die das Renommee des Ortes heben und seinen Ruhm in die ganze Welt ausstrahlen lassen würden. Wie zum Beispiel auf dem Eiffelturm, auf dem das Sterne-Restaurant „Jules Vernes“ den Gourmet empfängt. Stünde der Eiffelturm in Deutschland, würde man dort oben Bockwurst mit Senf servieren. Und vielleicht noch Jägerschnitzel mit Pommes.

Aber nur auf Vorbestellung.

Wenn es nicht gerade aus ist.

Und der Koch an die Tütensoße gedacht hat.

Und an die Dosenpilze.

Und draußen nur Kännchen.


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