Harz: Brocken

Urlaub. Harz. Ich will auf den Brocken. Zunächst drücke ich am Bahnhof Schierke für den Parkplatz 5 Euro ab, dann muss ich pullern und zahle dafür 1 Euro, bevor ich für 32 Euro ein (!) Ticket mit der Bimmelbahn auf den kümmerlichen Hügel (knapp über 1100 Meter über Normalnull) löse. Ich bin noch nicht einmal da und fühle mich schon ausgenommen und ausgelutscht.

Am Bahnhof hingegen herrscht Nahkampf. Der Zug ist voll, keine Karten mehr. Und sofort zeigt der Dumpfdeutsche seine hässliche Fratze, wie immer, wenn es mal nicht so rund läuft:

„Kann ich nicht doch noch eine Karte haben? Ich bin nämlich gehbehindert.“

„Ich zahl das doppelte, geben Sie mir eine Karte!“

„Eine Unverschämtheit! Frechheit! Gibt’s doch gar nich!“

„Sauerei!“

„Das darf doch nicht wahr sein, das hätt’s doch früher nicht gegeben!“

„Wie heißen Sie? Ich werd‘ mich beschwer’n!“

Und der Klassiker: „Geben Sie mir Ihren Vorgesetzten! Das wollen wir doch mal sehen!“

Freunde, der Zug ist voll. Es gibt eine Menge x an Platz und eine Menge y an Menschen. Wenn y > x dann klappt das eben nicht mehr mit dem Mitfahren. Is so. Mathematik für Dummies. Da hilft auch pöbeln nicht. Oder wollt ihr euch wie in Indien auf das Zugdach setzen?

Mich macht es traurig, immer wieder festzustellen: Unter Druck ist der Deutsche überhaupt mal gar nicht locker, sondern hackt lieber auf armen kleinen und wahrscheinlich unterbezahlten Fahrkartenverkäuferinnen herum, die sowas von gar nichts für den Besucheransturm aus allen Altersheimen dieser Republik können.

Da tat sie mir leid, die Verkäuferin, die mir noch so freundlich meine Karte verkauft hat – begeifert, beseiert und beschrien von den versammelten Hysterikern in ihren ganz späten Jahren, die aus allen Poren ausschwitzen, dass ihnen die Zeit davonläuft.

Ja, Geisterbahn allerorten: Auf dem Brocken treffen sich offenbar alle diejenigen Abonnenten der Apotheken-Umschau, die ihr Mindesthaltbarkeitsdatum schon stark überschritten haben, aber sich und ihrem bedauernswerten Umfeld noch ein letztes Mal beweisen wollen, dass sie ihn noch hoch bekommen, den schlappen Sack von Körper auf den Hügel – manche tatsächlich noch zu Fuß, der Rest, der es nicht mehr bringt, im Zug.

Und so gibt Opa Kowalke lautstark an wie Göring, weil er die lächerlichen 6 Kilometer mit Minimalsteigung immer noch ohne Treppenlift und Defibrillator schafft.

Hinter ihm marschieren der Landfrauenverein Sächsische Schweiz und der Kegelklub Bad Osterode in ihrer ganz eigenen Vereinsmeier-Karikatur tatsächlich in Uniform den Berg hinauf. Links Zwo Drei Vier. Tschingderassabum.

Und zu allem Überfluss akustikverseucht irgendein Sangesverein, dessen jüngstes Mitglied wahrscheinlich seinerzeit 1939 zur Feier des Einmarsches in Polen beigetreten ist, den Wald. Im Frühtau. Zu Berge. Und so weiter. Bumsfallera.

Der Rest sitzt im Zug herum, beschwert sich über alles und jeden, gibt Nichtigkeiten über die stinkende Dampflok und die allgemeine politische Lage zum Besten, wenn er nicht gerade die lange Liste seiner Krankheiten aufzählt. Halleluja. Für jeden Unbeteiligten eine eigene Vorhölle.

Sowieso scheinen hier nur zwei Volksstämme anwesend zu sein und zwar ausgerechnet die mit den schrägsten Mundarten im deutschen Sprachraum: Sachsen und Holländer. Die einen sind froh, dass sie nach 44 Jahren Russenbesatzung endlich mal auf diesen blöden Hügel dürfen und die anderen halten den Brocken zusammen mit Reichsparteitagsgelände und Reeperbahn für ein deutsches Wahrzeichen und suchen verzweifelt nach einer Sehenswürdigkeit, die man knipsen kann. Es gibt aber nur eine … was ist das? … Abhörstation?

Kostenfrei sind auf dem Brocken im Übrigen nur die vielen Insekten mit seltsam mutierter Optik, irgendwie eine Mischung aus Wespen, Fliegen und Schnaken, die zwar nicht stechen, aber wie der Rüde auf die läufige Hündin auf Menschen abfahren. Gruselige Viecher. Ein kleines bisschen Horrorshow zur Geisterbahn – wahrscheinlich ein Überbleibsel der Experimente der Roten Armee an diesem Ort.

Alles andere außer den freifliegenden Killerkommunistenschnaken kostet Geld und das nicht zu knapp, inklusive der fürchterliche Fraß vom Brockenwirt, der hier oben das Schlimmste aller Monopole betreibt.

Ich wollte den Hügel mal sehen.

Um ihn mal gesehen zu haben.

Jetzt habe ich ihn gesehen.

Und die Geisterbahn mit den Schreckgestalten, die sie bevölkern, gleich mit. Es ist Endstation. Die letzte Reise. Nach dem Abstieg: Sack zu. Deckel drauf. Fideralala.

Ich mache es auch nicht mehr lange. Zumindest nicht hier oben. Weg hier.

img_20190116_2128194830293245704306769.jpg