Zipfelmützenproblem

Es spricht aus Facebook:

Prenzlauer Berg hat wieder ein Riesenproblem und die Lokalpresse berichtet exklusiv: Handbesungenes Hipster-Eis von Hokey Pokey ist so erfolgreich, dass man den Preis pro Kugel bedauerlicherweise (wir sind untröstlich, von Pfeilen durchbohrt und Kugeln durchsiebt) auf 1,60 setzen musste, um die mäandernden Müttermassen weg vom Bürgersteig zu kriegen, bevor die ersten Kläger, vor denen man hier mittlerweile mehr Angst hat als vor vergrabenen Fliegerbomben, zur Rechtschutzversicherung greifen und das tun, was sie hier inzwischen so gerne tun: Friedhofsruhe herbeiklagen.

Hurra, er macht sich endlich wieder lächerlich, der ehemalige Rebellenbezirk. Mit einem Shitstorm auf Facebook wegen Eistüten: Papas und Mamas proben den Aufstand, weil ihr Eis jetzt teurer wird. Und das nur, weil immer so viele davon im Pulk mit Eis in der Hand auf dem Bürgersteig herumstehen, was andere Papas und Mamas und natürlich die Zipfelmützen im Eigenheim auf den Plan ruft, die nun ihrerseits klagen und drohen.

Die Stargarder Straße: Ein um sich selbst drehendes Jammertal im kollektiven Elend. Wegen Eis.

Lachen könnte man, sollte man, müsste man ob der kiezweiten Hysterie, weil die SUV-Doppelkinderwägen im zähfließenden Gehwegverkehr steckenbleiben und dem Eigenheimyuppie mal wieder die Stadt zu laut ist, in die er gezogen ist.

Doch der Betreiber ist von allen der größte Held. Er macht erst mal vor lauter Schiß zu, weil er vorauseilend ein Ordnungsamt fürchtet, das von der ganzen Sache noch gar nichts mitbekommen hat, weil es nicht nur die eigene Parkraumbewirtschaftung, sondern grundsätzlich alle gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklungen dieses Bezirks verschnarcht.
Und dann macht er plötzlich wieder auf – und zwar mit Mondpreisen, damit nicht mehr so viele Leute Eis kaufen wie vorher. Angst. Angst. Angst vor der eigenen Courage.

Gedroht hat man ihnen. Ja. Mit Strafanzeigen. Ja doch. Und zivilrechtlichen Entschädigungen. Hier im Zipfelmützenbezirk, dem Goldgräberparadies der Anwälte mit Spezialisierung auf Zivilrecht. Natürlich hat man das. Hier wird ständig gedroht und prozessiert. Alle Nase lang. Wegen jedem Scheiß. Es ist Prenzlauer Berg. Ein Dorf. Nur ohne Gartenzäune. Dafür mit jeder Menge Gartenzwergen.

Und mir bleibt nur noch vor Lachen die Ketwurst im Hals stecken. Wir haben hier wirklich keine Probleme mehr. Die Penner sind weg, den Hartz IV-Pöbel haben wir nach Hohenschönhausen gentrifiziert, potenzielle jugendliche Randalierer steckt man prophylaktisch in Waldorfschulen, im Mauerpark herrscht bald Tanzverbot, statt Wurst gibt es Tofu, statt Schokolade Kresse und statt Whisky Smoothies. Hier ist der Mehltau. Ein Knautschkissen als Lebensraum.

Und dort macht jetzt Hokey Pokey das Eis teurer. Was für eine Meldung. In der Hasenheide wird einer abgestochen, Bushido verkauft seine Seele an eine Großfamilie und in den Weddinger U-Bahnhöfen werden die Kokspäckchen inzwischen von 12-jährigen vertickt. Und was passiert in Prenzlauer Berg? Das Hokey Pokey macht das Eis teurer. Da brat mir doch einer einen Sojakeimling. Skandal. Skandal. Die Mütter sind empört und der obligatorische Facebook-Shitstorm ist auch schon da. Fehlt eigentlich nur noch ein Hashtag. Ich schlage #Zipfelmütze vor.

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