Rammstein in Prag

Diese komische Telefonfirma mit dem selten blöden Namen hat nicht nur in Berlin ein Multifunktionsdildoanalplug in den Sand erbrochen, sondern auch in Prag. O2-Arena heißt sie hier.

Und die sieht fast genauso aus wie das Berliner Pendant, die O2-World.

Innen wie außen.Geleckt. Neu. Anonym. Seelenlos.

Aber groß.

Wo ist der Unterschied zu Berlin?

Einen gibt es, außer der Sprache und der krisensicheren Währung, in der man den Eintritt zahlt:

Rammstein darf hier fast die ganze Halle abbrennen. Pyrotechnik at its best, heiß, derb, gefährlich – in Deutschland aufgrund der vielen Bedenkenträger der vielen zuständigen Ämter gar nicht denkbar – in Prag egal. Interessiert keine Sau. Wenn man noch 80 Meter von der Bühne entfernt den heißen Druck des Flammenwerfers spürt, weiß man: Hier wird noch auf gute Unterhaltung Wert gelegt.

Das schätzen auch die Tschechen. Es ist irgendwie skurril, wenn in Prag auf einer Bühne eine Peniskanone schwarz-rot-goldene Konfetti in die Luft schießt und die Tschechen „I can’t get laid in Germany“ mitgröhlen. Bizarr. Aber es ist Rammstein. Kunst. Große Kunst. Das wissen nur viele der Störkraft-Fressen nicht, die in Deutschlands Osten immer die Rammstein-Konzerte verseuchen, deren Musik ernsthaft für deutschnational halten und mit ihren kaiserreichfarbenen Hosenträgern stolz sind wie Bolle auf den Exportschlager, nach dem die Welt headbangt. Holla. Sie sind wieder wer. Fehlt nur noch die Pickelhaube zum Stechschritt.

Und weil das an heiligem Ernst nicht reicht, verteilt die Antifa-Frauengruppe der Alice-Salomon-Hochschule vor der Halle empörte Flugblätter, um die Konzertgänger für die reine Lehre zu missionieren.

Deutschland. So ist es hier. Heilig ernst. Und den Stock immer tief im Darm.

Aber auch das sonst permanent augenzwinkernde Feuilleton versteht nichts, wenn es Rammstein immer im Wechsel von gespielter Empörung und Nicht-Ernstnehmen-Wollen zwischen Plattenbau, KitKat-Club und Reichskanzlei verortet und die Texte so bierernst nimmt wie wohl das Leben generell. Und so schreiben sie lange verschwurbelte Texte auf tote Bäume, an deren Ende keiner versteht, was denn nun genau das Problem sein soll. Aber Hauptsache etwas geschrieben. Wer schreibt, der bleibt. In den Holzmedien. Bis sie endlich untergehen.

Die Welt außerhalb dieses oft so verbohrten, verpeilten und vernagelten Landes, das noch die nächsten 100 Jahre nicht mit sich ins Reine kommen wird, versteht das alles entweder besser oder interessiert sich erst gar nicht für die ach so deutsche Nabelschau – in den ausverkauften Hallen von USA über Osteuropa bis Japan. Sie haben eine so schöne natürliche Freude an dem, was da performt wird, ohne das auf der Bühne Gebotene in religiösem Eifer niederzubrüllen, totzuanalysieren oder gleich wieder vor lauter Nationalstolz in andere Länder einmarschieren zu wollen. Rammstein. Kunst. Konsum. Konsumkunst. Sie sind schlicht gut.

Rammstein im Ausland: Jederzeit. In Deutschland: Eher nicht.


Der Text ist aus 2009, zuerst nur für mich geschrieben, dann 2011 auf Qype veröffentlicht und jetzt hier. Ich mag ihn einfach. Nostalgie. Dieses Wochenende in Prag war Abschied und Aufbruch zugleich, Abschied von einer Jugend mit langer Nachbrennzeit und überfälliger Aufbruch in die Verantwortung. 


 

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