Der Oligarchen-Halbmarathon zu Berlin

Der Berliner Halbmarathon – unfreundlicherweise mit dem Namen eines gierigen Stromnetzoligarchen versehen, der die gute alte Bewag gefressen hat – ist distanzmäßig für diejenigen Läufer genau das Richtige, die sich einen echten Marathon nicht zutrauen, aber sich trotzdem von den unzähligen 10-Kilometer-Seniorentreff-Volksläufen abheben wollen, bei denen sogar die Altersklasse M 90 in Stützstrumpfhosen mit dem rostigen Rollator unter der künstlichen Hüfte noch unter anderthalb Stunden ins Ziel schleicht.

Ehrlichkeit bringt beim Halbmarathon wie so häufig im Leben überhaupt nichts. Wer sich stinkend-naiv in seinen ihm zustehenden Startblock in der zweiten Hälfte des Läuferfeldes einreiht, erlebt folgendes:

Nach dem Startschuss, den man in dieser Entfernung nur erahnen aber nicht hören kann, bleibt noch genug Zeit, sich ein paar neue Laufsocken zu stricken oder sich die verhornten Finger- nebst Fußnägel abzuflexen, während man darauf wartet, irgendwann endlich walkend die Startlinie überqueren zu können. Irgendwas um die 30.000 Läufer sind am Start. Und das dauert, bis die durch sind.

Besonders Clevere machen an dieser Stelle ihre Steuererklärung, schreiben ihre Magisterarbeit oder haben das iPad einstecken und erdaddeln sich einen neuen Traktor bei Farmville – alles ist möglich als Zeitvertreib in der größten Warteschlange Berlins, gegen die die Warteschlange bei jeder beliebigen Filiale der Deutschen Post ein lächerlicher Rohrkrepierer ist.

Aber auch nach Überqueren der Startlinie muss noch einige Zeit mit gedrosselter Geschwindigkeit gelaufen werden – dank der Übermacht tausender verkappter Walker ohne Stöcke, die der Meinung sind, unbedingt kraft eigener Wichtigkeit aus dem vorderen Drittel des Läuferfeldes in Schweißriechweite der unbesiegbaren Kenianer starten zu müssen, dafür aber um Welten zu langsam sind und kurz nach dem Start jedem normalen Läufer nur noch im Weg rumstehen, was alle Illusionen über eine eventuelle neue persönliche Bestzeit schon in den ersten Minuten komplett den Bach runtergehen lässt.

Und überhaupt: Die Leute! Von rechts und links schießen adrenalingeschwängerte Jungspunde in ihren Adidas Sambas quer zum Laufweg, die völlig übermotiviert versuchen, die vielen walkenden Hindernisse im Sprint-Stopp-Stakkato zu umkurven, sich dabei jedoch so auspowern, dass man sie problemlos bei Kilometer 12 wieder einsammelt, wo sie japsend vor sich hin schleichen und in ihren blasenscheuernden Sambas nur noch sterben wollen, während die hübschen Blondinen mit den hypnotisierenden Arschbacken, die sie beeindrucken wollten, gleichgültig an ihnen vorbei schweben. Anfänger.

Man sieht auch merkbefreite Rabenväter ihren im Babyjogger fläzenden Nachwuchs vollschwitzen, der die nächsten zwei Stunden wie ein Milchshake durchgeschüttelt werden wird und den Hinterherlaufenden schon kurz nach dem Start den Morgenbrei vor die Füße kotzt, sekundiert von der gackernden Sekretärinnenkolonne des Bezirksamts Pankow in Neonpelle und astreiner Zwölfer-Abwehrkette, die ihrer Bestmarke von unter vier Stunden auf zwei Kilometer entgegenrollt und zuletzt die todernst und verkniffen vor sich hinstarrenden spaßbefreiten Superathleten im Ganzkörper-Kondom, die mit ihren Powergel-Gürteln und vollverkabelten GPS-Terminals aussehen wie halbverhungerte Selbstmordattentäter kurz vor dem Eintritt ins Paradies.

Im Ziel fallen dann alle wie die Bekloppten über die drapierten braunen Obstabfälle und das schale alkoholfreie Weizenbier irgendeines Sponsors her als gäbe es kein Morgen, weil irgendwie müssen ja die Kalorien, die man soeben tapfer verbrannt hat, wieder rein in den aufgeschwemmten nassen Drecksack von Körper. Außerdem „isset ja umsonst“ denkt sich Bürohengst Kalle von der Sparkassenfiliale Lichterfelde-Süd und klemmt sich das dritte Weizenwasserbier zwischen die Wurstfinger, während er versucht, mit der anderen Hand die sieben braunen Bananenstücke zu balancieren, wobei ihm drei der fünf morschen Äpfel aus der verkeimten Jogginghose rollen. Freibiergesichter.

Wahnsinn, so ein Halbmarathon, das ganze Elend menschlichen Daseins läuft hier mit, sieht flächendeckend hammerscheiße aus, pisst in der männlichen Form rechts und links der Strecke die Büsche tot oder gleich in die Hauseingänge, schnauft, schwitzt, keucht, bellt Lungenstücke auf den Asphalt oder ärgert sich nur über die verlorene Bürowette, wegen der man sich nun hier unter den Augen der anderen Irren, die sich das Trauerspiel als Zuschauer reinziehen, zum Brot machen muss.

Ich für meinen Teil bin ja nur mitgelaufen wegen des Halbmarathon-Shirts (das ich mir strenggenommen auch bei Ebay hätte ersteigern können), mit dem ich noch viele Jahre irgendwo beim nächsten Methusalem-Volkslauf im Freiluftaltersheim Grunewald angeben kann, wenn die Generation Politbüro mit mir zusammen ihre klapprigen Körper durch den Wald schleppt.


Ich leiste manchmal Unterschriften, wenn ich von einer Sache überzeugt bin. Das passiert nicht oft, aber hin und wieder schon. Ich mag zum Beispiel keine Stromnetzoligarchen und bin der Meinung, dass mit Infrastruktur, die Grundbedürfnisse wie Wasser, Strom und S-Bahn abdeckt, kein privater Gewinn gemacht werden darf. Wenn Sie in Berlin wohnen und das genauso sehen, sollten Sie hier unterschreiben: http://www.berliner-energietisch.net/.


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