Herzlichen Glückwunsch, es ist ein Honk (10)

Und schon wieder. Leider. Es hört nicht auf. Es passiert immer wieder. Als Mann mit Kind in der Öffentlichkeit ist man der Vollhorst des Bezirks. Kaum jemand nimmt so einen ernst. Am allerwenigsten Omas. Ja, schon wieder Omas. Wildfremde Omas wohlgemerkt. Wenn die einen Mann alleine mit Kind sehen, gehen bei denen offenbar sämtliche Fliegeralarmsirenen los und sie müssen eingreifen, um Tragödien zu verhindern.

„Ist das Ihr Kind?“

„Was glauben Sie denn?“

„Bubububu-Bu, na wo ist denn deine Mami?“

Kind: „Ganää. Blurb.“

„Eieieiei, da läuft ja die Nase.“


„Macht nix, ich mach das gleich.“

„Müssen wir mal sauber machen. Wo ist denn mein Taschentuch?“

„Lassen Sie gut sein. Wir sind gleich zuhause.“

„Nein nein, ich hab ein Taschentuch. Das muss ja…“ (rumkram)

„Bitte, ist wirklich nicht nö…“

Doch da zieht sie auch schon das alte Stofftaschentuch aus dem grindigen Jutebeutel und putzt meinem Kind die Nase, weil die Gefahr besteht, dass der Rabenvater das überhaupt nie machen wird. Also muss man da eingreifen. Hilft ja nix. Man weiß ja nie.

Stellen wir also fest: Wildfremde Omas putzen meinem Kind die Nase. Müssen nicht mal fragen. Dürfen sogar väterlichen Unwillen ignorieren, als gäbe es den gar nicht.

Und überhaupt: „Ist das Ihr Kind?“ Wieso stellt man Frauen solche Fragen nie? Wessen Kind soll das sonst sein? Phantasieren die sich zusammen, dass ich mit einem fremden Kind um den Block ziehe? Womöglich gerade frisch vom Spielplatz gepflückt, den Lolli noch warm. Und: „Wo ist denn deine Mami?“ Standardfrage. Mann mit Kind. Suspekt. Was ist nur mit der Frau passiert, die da stattdessen hingehört?

Andere Zeit. Anderer Ort. Rabäääää. Dantes Inferno brüllt aus dem Kinderwagen, das Kind ist überdreht, wird noch ein, zwei Minuten Rabäääää machen und dann entkräftet einschlafen. Ist immer so. Lehrt die Erfahrung. Eltern haben die.

Da! Die Stimme aus dem Off: „Sie müssen Ihr Kind hochnehmen.“ 

„Wäh?“

„Ihr Kind hochnehmen, Sie müssen Ihr Kind hochnehmen, es will hochgenommen werden.“

„Gehen Sie weg, mein Kind ist müde, mein Kind will schlafen, wer sind Sie eigentlich? Adoptieren Sie sich ein eigenes.“

Der Blick daraufhin kann nicht nur Körper durchbohren, sondern auch Stahl schmelzen. In diesem Moment verachtet mich jemand und will, dass ich das weiß.

Omas. Sie denken, wenn sie nicht eingreifen, wird das Kind tot umfallen oder zumindest traumatisiert werden und später alle Therapeuten des Bezirks vor der Arbeitslosigkeit bewahren. Omas. Sie greifen ein. Sie insistieren. Sie regeln. Irgendetwas treibt sie an. Da lobe ich mir die raumgreifenden biologisch abbaubaren Prenzlmütter, die drehen sich immer nur um ihren eigenen kleinen Kosmos. Da könnte mein Kind mitten auf der Straße rotierend implodieren, Blut kotzen und sein Gedärm um die nächste Straßenlaterne wickeln, die würden das nicht bemerken in ihrer eigenen kleinen Filterbubble.

Omas schon. Die hören mein Kind nachts husten und warten morgens vor der Haustüre darauf, dass ich das Haus verlasse, um ihm abgelaufenen Hustensaft aus den Tagen der Regierung Modrow einzuflößen.

Muss ja. Väter können ja nix. Weiß man ja. Ist zwar diskriminierend, respektlos & Co., aber bei Vätern ist das traditionell nicht schlimm. Indianer. Kein Schmerz. Hab dich nicht so. Und so weiter.

Omas. Meine persönliche Pest. Der einzige Vorteil ist: Ein Ende ist abzusehen, rein biologisch. Sie sterben demnächst. Nur bis die alle von unten die Würmer zählen, ist mein Zwerg erwachsen, also bleibt mir eigentlich nur ein freundliches: Herzlichen Glückwunsch, Omas, ihr seid die Honks. Ich kann kaum an mich halten vor Freude.

 

 

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