Hermes Herpes und Band

Hermes ist fast der schlimmste Paketdienst, der in dieser Stadt sein Unwesen treibt und es nur selten schafft, bei mir ein Paket vernünftig auszuliefern. Schlimmer sind nur noch GLS oder DPD, die schaffen das nie.

Ich rieche bei jeder Bestellung, bei der mir Hermes angedroht wird, in vorauseilendem Gehorsam den modrigen Geruch einer anachronistischen wilhelminischen Beamtenmentalität, die in dieser Stadt sonst nur noch in den Amtsstuben der Deutschen Post, beim Bezirksamt Pankow und beim Fahrkartenschalter der maroden Berliner S-Bahn gelebt wird.

Um ein Paket zu liefern, egal ob aus Deutschland, Bayern, Österreich oder den Färöer-Inseln, benötigt Hermes mindestens eine Woche – und das bei Lieferungen, die nicht in die Mecklenburgische Provinz an die polnische Grenze, Helgoland, einem Berggipfel in den Alpen oder zu einem der letzten menschlich besetzten Leuchttürme der deutschen Küste gehen, sondern in eine zentrale Lage der deutschen Hauptstadt.

Einmal war eine Lieferung von Magdeburg nach Berlin über zwei Wochen unterwegs – vermutlich mit Zwischenhalt in Ulan Bator, den Osterinseln und der internationalen Raumstation ISS.Was soll das? Woran liegt das?

Vermutlich passiert genau folgendes: In dieser chronisch langen Lieferzeit wird jedes Paket mit Seilen an der Decke einer Räucherkammer in der Zentrale in Hamburg aufgehangen und vom zuständigen Sachbearbeiter in stoischer Ruhe jeden Tag aufs Neue mit Salzlake bestrichen, damit es gut abhängt und ordentlich durchzieht, bevor es – abgewaschen und parmaschinkengleich gereift – geliefert wird.

Und jedes Paket bekommt einen amtlichen Laufzettel, auf dem jeder der zwanzig beteiligten Sachbearbeiter seinen Stempel anbringen muss, bevor das Paket sich auf den Weg zum Zielort machen darf. Und wenn einer der Sachbearbeiter krank ist, kann der Stempelvorgang erst nach Genesung wieder aufgenommen werden. So lange ruht der See. Wie in einer normalen Behörde. Da ruht jeder See auch. Still.

Der Zusteller in seinem himmelblauweißen Dienstwagen ist, wenn er das Paket mal hat, so flexibel wie eine Eisenbahnschiene und weigert sich nicht nur, das Paket bei einer der unzähligen Nachbarsmütter mit ausladender Tagesfreizeit oder bei einem Vertreter der ausufernden Gastronomie in Prenzlauer Berg abzuliefern, sondern er ignoriert auch alle drei Hermes-Paketshops in der unmittelbaren Umgebung, zu denen er auch nach expliziter Aufforderung einfach nicht zustellen möchte, was darauf schließen lässt, dass man seinen eigenen – in der Tat sehr zwielichtigen – Paketshops keinen Jota über den Weg traut.

Statt zu den Hermes-Paketshops fährt der Zusteller so mechanisch wie ein immer wieder gegen die Wand laufendes Duracellhäschen jeden Tag aufs Neue die angegebene Adresse an, ohne auf den Gedanken zu kommen, dass er es mit einem der wenigen noch verbliebenen regelmäßig Berufstätigen in Berlin zu tun hat, der aus Gründen des Broterwerbs gar nicht zuhause sein kann. Und selbst wenn der einen Tag Urlaub genommen hat und zuhause ist, findet sich der Zusteller trotz Ankündigung gerne mal überhaupt nicht ein, behauptet aber im Trackingsystem, einen untauglichen Zustellungsversuch unternommen zu haben. Verarsch mich doch.

Nach dem dritten erfolglosen Zustellungsversuch, von denen nur selten einer mit einem Einwurfzettel schriftlich dokumentiert wird, wird das Paket zu allem Überfluss kommentarlos zum Versender zurückgeschickt, wovon man erst etwas erfährt, wenn man Wochen später dort anruft.

Offenbar erwartet man bei Hermes also, dass sich der Empfänger in Erwartung eines Pakets jedes Mal prophylaktisch eine Woche Urlaub nimmt und rund um die Uhr an der Tür steht, um möglichst zu dem Zeitpunkt, an dem der Amtsschimmel zu wiehern gedenkt, zum Empfang bereit zu sein.Ein wenig erinnert das ganze Gebahren an diese monopolgeschützten selbstherrlichen Schornsteinfegerfiguren, nur dass diese sich wenigstens auf einen Tag festlegen, während dessen sich der Untertan von 8 bis 12 Uhr zur Verfügung zu halten hat.

Der grottenschlechte Hermes’sche Altherrenwitz von Trackingsystem ist dabei keine Hilfe, sondern so unterirdisch und aussagekräftig wie der schäbige Kaffeerest in meiner seit Wochen in der Küche grün vor sich hin schimmelnden Tasse und sieht sich nur selten in der Position, den tatsächlichen Lieferstatus abzubilden.

Ich weiß nicht, wie man auf die Informationen kommt, die man dort anzeigt – vielleicht ist es das Ergebnis des morgendlichen Würfelspiels der IT-Stelle oder die mit einem komplizierten Algorithmus gekoppelte Highscore der World of Warcraft-Avatare der Lagerknechte, keine Ahnung. Würde man dort die Wettervorhersage oder das Tageshoroskop hinterlegen, hätte der Kunde von diesem Trackingsystem sehr viel mehr Information. Besonders gerne genommen: „Ihr Paket befindet sich in der Zustellung.“ Und das seit vier Tagen. Was soll ich mit der Information? Wem hilft das?

Klar: Der Hotline.

Nicht umsonst scheint die eine nicht unerhebliche Einnahmequelle von Hermes zu sein, wobei mein persönlicher Rekord nunmehr aus fünf Anrufen mit je durchschnittlich sechs Minuten reflexartiger Abwehrreaktionen und Nebelkerzen des jeweiligen Callcenter-Agenten besteht.

Da die mit Goldstaub aufgewogene Hotline in einer Minute 0,60 Euro kostet, entspricht dieser Rekordaufwand mit dem Ziel, den Verbleib meines Pakets zu ermitteln, das am Ende der Foltertour ohne mich zu sehen zum Absender zurückgeschickt wurde, einem Gegenwert von 18 Euro, den allerdings nicht ich als gebeutelter Kunde für meinen Verlust an Nerven, Geduld und Lebensqualität überwiesen bekam, sondern Hermes als Drehbuchautor und Regisseur des Zustelltrauerspiels. Via Telefonrechnung. Von mir. Grandios.

Es ist eine verkehrte Welt – faktisch eine Umkehrung des Täter-Opfer-Ausgleichs, quasi ein auf den Alltag heruntergebrochener Bankenrettungsschirm für Paketzusteller. Der Gelackmeierte zahlt, der Lackmeier nimmt.

Ja, so ist er. Punkrock auf vier Reifen. Hermes Herpes und Band, die letzten wahren Anarchos in Berlin, so zuverlässig wie ein Junkie am Kotti, der sich die Kohle für den nächsten Schuss leiht. Die sieht man auch nicht wieder, so wie bei Hermes im Zweifel das Paket.

 

 

img_20190116_2128194830293245704306769.jpg