Twitter ist toll

Die Welt erstickt an Belanglosigkeiten und furchtbarem Gewäsch. Wer einmal in Berlin Taxi gefahren ist, der weiß das:

„Wat? Wo jeht’s hin? Prenzlberg? Dit is ja och nich mehr dit wattet ma wah, ne? Ick war ja damals och uffa Piste, inner Eckkneipe bei der geilen Gerda, kennta ditte? Die rattige olle Gerda, da tanztn die Mäuse uffn Tüsch sachickoich, aber heute jeht dit ja nich mehr, bin ja verheiratet, also noch verheiratet, bald abba jeschieden, haha, so is ditte, auf de Weiba kannste dir nich verlassen, dann biste verlassen, kennste eine, kennste … “

Oder die Kaffeerunden der Kaffeetanten morgens im Büro:

„Moin Herr Stevenson, wollense ochn Kaffee? Ick braucht dit jetz, ick hab ma jestern mit meen Menne ausjesprochen, der jeht jar nicht, der Typ, kommta einfach nach Hause und wees jar nicht, dat jestern der Tach is, an dem wa uns vor fünfunzwanzich Jahrn zum erstenma jeküsst ham. Im Kino „Vorwärts Brigade“ in Finstawalde. Abba keene Blumen, nüscht. Hatta einfach verjessen, der Sausack, aber det is eh so’n Ding mit die Männers, nich wahr, Herr Stevenson, so sinse eben, kennste einen, kennste … “

Fahrstühle:

„Na dit is ja’n Wetter heute, wa? Vorhin flog’n Schäfchenwölkchen vorbei. Im Fernsehn hamse jesagt, et soll wieda wärma…“

Fleischtheke:

„N’Kilo Mett? Wat jibt’s denn? Mettigel? Mit Schwiebeln, wa? Also meen Sohn macht die schicksten Mettigel allah Zeiten, der issn richtija Mettigel-Diseiner, sehnsemal, der war soja schon in Eberswalde uffm Mettigel-Festival und hat den dritten Platz je…“

Scheißhaus:

„Och ne Hose mit Knöppen? Ja scheiße sowat, wa? Ick bin jetzt dazu überjegangen, mir Reißverschlüsse rannähen zu lassen, dit dauat nua immer so lange, abba meene Frau sagt, jut Ding will Weile ha…“

Die elektronische Form der Belanglosigkeit ist Twitter:

„Habe mir eben eine Bratwurst gegrillt. Teflonpfanne rockz!“

„Heute Oma’s Geburtstagsfeier. Opa trinkt wieder Jägermeister. Ich bleib beim Tee. Mama trinkt Schorle.“

„Gruyère oder Appenzeller? Die Qual der Wahl beim Käsefondue, ich glaub ich nehm beides.“

„Sommer Sonne Pinot Grigio. Leggaaaaaaaaa. rofl rofl lol lol.“

„Heute einen Laubbläser gesehen, ja ist denn schon Herbst? Mir wird ganz blumelig.“

Und der aus dem Fahrstuhl twittert: „Sehe ein Schäfchenwölkchen am Himmel, vielleicht kommt ja bald noch eines.“

Das ist schon keine Comedy mehr, keine Ironie, kein Augenzwinkern, kein gar nichts, Twitter ist einfach unkomisch belanglos, das Paradies all jener Plaudertaschen, die ihre Mitmenschen sonst in der realen Welt mit nutzloser Information piesacken, ein Jahrmarkt der Eitelkeiten, am Leben gehalten von denen, die sich und ihre durchschnittlichen Leben immer schon für den Nabel der Welt gehalten haben und ihr unstillbares Mitteilungsbedürfnis früher an Orten ausleben mussten, von denen ihre Opfer möglichst nicht flüchten können. Fahrstühle. Taxen. Scheißhäuser.

Heute bei Twitter hören sich die Leute die Nichtigkeiten freiwillig an. Ich nicht. Ich hab’s versucht und bin fast am Rauschen ersoffen.

Und dann sind da noch die Durchgeknallten. Die Eiferer. Die Brüller. Twitter wirkt häufig wie eine psychiatrische Ambulanz in einem öffentlichen Krankenhaus.
Unvorhergesehen begegnet man Menschen und Krankheitsbildern, denen man sonst nie begegnen würde.

Spannend.

Dann lieber Blogs, da wird nicht weniger kommuniziert, aber besser. Relevanter. Geistreicher. Normalerweise. Oft. Meistens. Mal so mal so. Manchmal. Ab und an. Vielleicht. Hoffentlich…

Stellen wir also fest: Die Fleischtheke hat sich zusammen mit den Kaffeetanten, Taxifahrern und Kloschwätzern ins Internet verlagert und ich finde das gut. Meine Theorie ist, dass je mehr seichte Kommunikation die Leute via Twitter ins Netz kippen, desto weniger werde ich dadurch an der frischen (oder im Falle des Scheißhauses unfrischen) Luft gequält, weil es nur eine fixe endliche Menge x an kommunikativem Dünnpfiff gibt, die, wenn sie zu einem großen Teil elektronisch verballert wird, mit mir fortan nichts mehr zu tun hat.

Ehrlich, Twitter ist toll.


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