Mal bescheuert sein: Samstagshoppen

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Stern-Center Potsdam am Samstag. Auftritt der Autisten. Sie sind überall. Stehend. Schlurfend. Wippend. Mitten im Gang, gerne zu zweit, dritt, viert, der ganze prekäre Familienverbund auf Ausgang gammelt herum und staunt, im Pulk, glotzt, steht im Weg, will man vorankommen, muss man Slalom laufen und stößt dann doch wieder mitten im Weg auf eine hoffnungslos vernachlässigte speckige Rotgesichtige mit fettigen Haaren und Jogginghose, die nächste Woche wieder ihren bildungsferne Persönlichkeit bei „Mitten im Leben“ prostituieren wird, während man rechts und links immer wieder unzähligen pummeligen Böhse-Onkelz-Gesichtern ohne Haare und ihren immergleichen „Ich imitier‘ mal den Türsteher vom tschetschenischen Hausfrauenpuff“-Blicken begegnet.

Autisten auch bei Real, Einkäufer mit Wagen verkeilen diesen quer in den Gängen, die Angestellten kopieren den Irrsinn und machen gleiches mit den Hubwagen voller Paletten – quer zum Gang, so dass immer nur ein Wagen durchkommt, manchmal auch gar keiner, weil doch zu eng.

Und dann bilden sich Schlangen wie bei der verdammten Post, doch es müssen unbedingt noch Minuten über Minuten Informationen über die bei Bild, Explosiv oder Taff konsumierten Nichtigkeiten ausgetauscht werden, bevor der Hubwagen einige Zentimeter bewegt werden kann. Autisten. Überall. Mit oder ohne Real-Weißkittel.Was für ein Riesenteil, dieses Monstercenter, dachte ich schon, als ich das völlig überdimensionierte Endzeitfilm-Parkdeck befuhr, auf dem es doch wieder kaum freie Parkplätze gibt, so dass einige arme Irre in Feuerwehrausfahrten, Ladezonen oder mitten in den Durchfahrten parken.

Drinnen ist noch mehr los, klar, es im Samstag und Anfang des Monats, die Kohle muss raus, die Lohntüte, die Stütze, das Taschengeld, alles muss raus heute, bis 21 Uhr, so lange herrscht Ausnahmezustand, so lange latschen sie von der Seite in den Weg, grätschen von schräg vorne vorbei, rempeln hier, schubsen dort, Einkaufshölle, Shoppingwahn, ich auf Killing Spree, weiche irgendwann nicht mehr aus, da wird man ja wahnsinnig, Brust raus, Schultern breit, ich bin heute Bogdan der Türsteher aus Wedding, Alter, und keiner zwingt mich mehr zum Slalom, nach ein paar Remplern das unvermeidliche Geschimpfe, ein Jogginghosenmann mit Deichmannturnschuhen will Dresche verteilen, seine unfassbar hässlich geschminkte Begleiteule mit roter Strähne im blauschwarzen Haar und Plastikschaufeln an den Fingernägeln keift wie bei RTL 2 zur Prime Time, aber ich bin schon weg, untergetaucht im Gewusel, Gewimsel, Gedränge, Geknülle, Geficke, es ist furchtbar, warum bin ich heute hier, was soll das alles, haben die kein Zuhause, habe ich keines? Bin ich bescheuert? Ja!

Post. Warteschlange. Worte, die sich bedingen. Worte, die zusammen gehören. Symbiose. Hier verknotet sich die Schlange im Slalom durch die mit überteuerten Post-Kack-Schreibwaren zugestellten Gänge, mäandert nach draußen in den Hauptgang und kopuliert mit der Schlange vom Geldautomaten. Post. Es ist Post wie Post heute nun mal ist. Ein durchgeknallter Monopolist auf Amok und Krawall, dem inzwischen alles egal ist.

Gegenüber hat sich der Starbucks wie eine fette Spinne mit seinem irrwitzig teuren zugesirupten Kinderkaffee mitten in die beste Laufkundschaftsecke gepflanzt, rappelvoll bis auf den letzten Platz.
So lange Starbucks noch voll ist, geht es diesem Land noch gut. Zu gut. Eindeutig. Da ist noch viel Luft nach unten.

Einer kommt mir entgegen und trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift

Blackwater 
USA 
 

Ich war mir nie so sicher wie jetzt, dass er nicht weiß, was er da trägt. Und wenn er es weiß, dann ist es noch schlimmer, weil er sieht gar nicht aus wie ein Söldner/Killer, sondern wie ein zu kurz geratener bleicher Alkoholiker mit kreisrundem Haarausfall, der in Potsdam-Drewitz wohnt und sich zu wenig wäscht. Wahrscheinlich gab es das Shirt bei McGeiz zum Topfschwamm-Set dazu, zusammen mit der „I am sexy and I know it“-Unterhose.

So. Scheiß gekauft. Konsumpflicht erfüllt. Reicht. Fertig. Raus. Ich atme stinkende Abgase auf dem Parkdeck. Besser als der Mundgulli des Opas vorher vor mir auf dem endlos langen Rollband nach oben, der stinkt als wär er schon seit Monaten tot und der wie so viele hier nicht weiß, dass man in zivilisierteren Ländern als Berlin und Brandenburg auf der linken Seite von Rollbändern und -treppen die Leute durchlässt, die gehen und nicht stehen wollen.

Deprimierender ist da nur noch die Achselnässe der prekären Jogginghosenträgerin hinter mir, diese optische Mandy/Kathleen/Eileen mit ihrem Macker, dem optischen Rokko/Enrico/Ronny mit verwaschenem rosa „Hilfiger“-Shirt mit schiefer Naht und peinlichem D&G-Gürtel vom Polenmarkt in Frankfurt/Oder.
Und die Jeans immer zu kurz.

Immer.Ich muss hier weg aus diesem Monstervieh von Center mit dem üblichen Scheißdreck von H&M über New Yorker bis Pimkie. Ja, wie unglaublich originell, endlich mal ein H&M, endlich mal Pimkie, und endlich mal New Yorker, gibt es ja sonst nirgendwo. Raus hier, weg aus dieser Shoppinghölle für entflohene Irre, die Samstags eine in Beton gegossene drakonische Strafe ist.

Nur raus hier.

Raus.—
Stern Center
Nuthestraße 2
14480 Potsdam