Der Mottenpostverticker gibt nicht auf

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Jeden Tag, wenn ich von Arbeit komme, steht er da: Der Morgenpost-Verticker und will ein Abo loswerden.

Er hat alle Kriegslisten schon durch:

Frontalangriff: „Hey du! Morgenpost gefällig? Hier, hey, bleib doch mal stehen. Nimm doch die Morgenpost, nimm! Hey, warte doch mal!“ „Nein, argh, geh mir aus dem Weg, nur über meine Leiche. Geh weg.“

Schmeichelei: „Hey, du siehst so intelligent aus, du musst doch Zeitung lesen.“ „Nein, Zeitung ist out und die Springer-Presse erst recht. Geh weg.“

Drohung: „Die Qualitätsmedien werden zugrunde gehen, wenn du kein Abo kaufst, dann gibt es irgendwann nur noch Twitter.“ „Gut so, die Holzmedien treten ab und ich finde das prima. Die wirklich wichtigen Meinungen und Hintergründe stehen sowieso in Blogs. Also geh weg.“

Bestechung: „Hallo, hey, du, zum Abo kriegst du diese tolle braune Aktentasche dazu.“ „Alter, schau mich an: Lederjacke, Chucks, was soll ich mit einer braunen Aktentasche? Geh weg.“ „Vielleicht einen Latte-Macchiato-Milchaufschäumer?“ „Alter, wir sind hier in Prenzlauer Berg, wir kriegen den Latte intravenös. Geh einfach weg.“

Zuletzt die mieseste aller Waffen, schlechtes Gewissen: „Ich brauch die Provision, Mann, wenn ich kein Abo verkaufe, müssen meine fünf Kinder, meine Oma und mein Hund zuhause hungern und die Tapetenreste von der Wand pulen.“
Jetzt hat er mich, mein wunder Punkt. Ich stehe betröppelt da und mir fällt keine respektlose Antwort ein, mit der ich ihn heute verscheuchen kann. Ich stelle ihn mir als Ein-Euro-Jobbersklaven vor, der von der Arbeitsagentur gezwungen wird, Abos eines Mediums zu verkaufen, das seit Jahren langsam abstirbt und sich mit Unmut, Verzweiflung und nutzlosen Gesetzen gegen den unvermeidlichen Untergang stemmt.

Ich unterschreibe trotzdem kein Abo, denn:

Zeitung, das ist dieses furchtbar unhandliche Produkt im Großformat auf Papier (!), das seine großen Zeiten seit mindestens einer Dekade hinter sich hat. Doch anstatt den Wandel zu begleiten und kreativ neue Möglichkeiten der gesellschaftlichen Einflussnahme nebst Verdienstmöglichkeiten zu finden, bleibt man stehen, beharrt man, steckt den Kopf in den Sand, lobbyiert sich ein sinnloses Gesetz zusammen und hetzt lieber jeden Tag viele prekär Beschäftigte vor die Einkaufscenter, die mit einer vorher nur von Staubsaugervertretern und Versicherungsfritzen gekannten Aggressivität dieses mit immer mehr Nichtigkeiten aus dem dpa-Ticker bedruckte Papier verkaufen müssen.

Und weil sich das so schlecht verkauft, muss man in der Panik immer noch aggressiver werden oder noch mehr Geschenke anbieten oder besser beides. Vielleicht noch eine ADAC-Gratismitgliedschaft für ein Jahr? Topfset? Nähgarn? Schnitzelklopfer? Nein? Menno. Die müssen unser sauer Bier doch endlich mal kaufen, diese verdammten Konsumknechte! Das gibt’s doch nicht! Das gab’s doch noch nie! Wo gibt’s denn so was? Das hamwa immer … da könnt ja jeder …

So, komm, gib mal her, was haben wir denn heute in der Morgenpost? Ah, das Altbekannte aus der Gruft: Hofberichterstattung, Speichelleckerei, Nichtigkeiten aus dem dpa-Ticker, aus dem Internet kopierter Promi-Klatsch von gestern und Pressemitteilungen der Polizei, der BVG und des FDP-Ortsverbands Dahlem, sinnloses Geschwafel irgendwelcher CDU-Hinterbänkler aus dem Protokoll des Abgeordnetenhauses und zuletzt schon wieder der unvermeidliche kalte Krieger Georg Gafron und die anderen Springer-Meinungsmumien, diese ganzen humorlosen Frontkämpfer der Mauerstadt, die mit Geifer und angetrocknetem Schaum in den Mundwinkeln ihre persönliche Vendetta gegen Wowereit und andere Linksradikale fahren und dann doch jedes mal aufs Neue zusehen müssen, wie wieder kein Hardliner sondern schon wieder nur der Partyschmock auf Berlins Bürgermeistersessel Platz nimmt.

Erfährt man bei der Morgenpost, wie die Banken es schaffen, ihre abartigen Zinsgewinne mittlerweile direkt zu Lasten der Steuerzahler einzufahren und die gleichen Steuerzahler zur gleichen Zeit für ihre Spekulationsverluste haftbar zu machen? Nein, erfährt man nicht, dafür erfährt man, wie faul der Grieche im Allgemeinen so ist.

Und überhaupt: Zu viele Kinder bekommen keinen Kitaplatz, die verkrüppelte S-Bahn besteht an allen Ecken und Enden aus Schienenersatzverkehr mit Bussen, die Schulen verrotten und Stunden fallen reihenweise aus, Gehwege und Straßen sind vor lauter Schlaglöchern unbenutzbar, das Ordnungsamt konzentriert sich maximal noch auf die Falschparker, weil das unkompliziert viel Geld einbringt, seit über zehn Jahren frisst die Inflation die Reallöhne auf, die Gebühren auf den Ämtern für jeden kleinen Handgriff sind auf dem Niveau von Luxusgütern und im Winter werden die Bürgersteige vor den heruntergekommenen Schulen nicht mal mehr versuchsweise geräumt während die Banker quer durch Europa die Staatshaushalte kahlfressen und totspekulieren. Wer erklärt mir die Zusammenhänge von alldem? Die Morgenpost?

Warum soll ich für so etwas Geld ausgeben? Die wichtigeren Informationen und die besseren Analysen, gesellschaftlich wie politisch, stehen heute woanders im Netz, beim Spiegelfechter zum Beispiel. Für den höhnischen Blick hinter die Kulissen gibt es den guten alten fefe und seinen goldwerten Podcast oder, wenn es etwas konservativer, aber nicht weniger kritisch sein darf, Michael Spreng mit seinem Sprengsatz, neben vielen anderen in meinem Feedreader.

Das sind alles Blogs, die sich mittlerweile zu wichtigen Informationsquellen entwickelt und von denen die meisten inzwischen ein recht großes Publikum haben.
Es sind Blogs, für die der Leser oft sogar freiwillig spendet, weil die Texte so gut sind, die Analysen so brillant und der Mehrwert endlich mal wieder vorhanden ist.
Es sind Blogs, die sich trauen, Unbequemes niederzuschreiben, mal gegen den Strich zu bürsten und die sich nicht damit begnügen, Praktikanten Agenturmeldungen und Pressemitteilungen irgendwelcher Autohersteller abtippen zu lassen. Hier liest man das, was nur noch selten seinen Weg in die Mainstreampresse findet.

Schade genug, dass es den guten alten kritischen Journalismus kaum noch gibt in den großen Verlagshäusern – aber irgendwie auch nicht schlimm, wenn man weiß, wo man suchen muss.

Aber auch bei der Lokalberichterstattung, dem ureigensten Terrain, wird die Holzpresse vom Internet abgehängt. Alleine für Prenzlauer Berg gibt es zwei kleine Netzzeitungen, die Prenzlauer Berg Nachrichten und die Prenzlberger Stimme, die nah am Kiez und nah an dem sind, was die Bürger interessiert, mit Informationen, die sonst niemand mehr bringt, weil der Prenzlauer Berg-Lokalkäse im dpa-Ticker nicht stattfindet.

Bei der Morgenpost im Netz kommt inzwischen nur noch eine Bezahlschranke, wenn mich tatsächlich mal ein Artikel interessiert, den ich über Google News gefunden habe – eine echte anachronistische Bezahlschranke mit Anmeldung, Kontonummer eingeben, Datenstriptease machen und so weiter. 5,95 € wollen die für einen Artikel haben und mir gleichzeitig ein Monatsabo an die Hacken tackern. Geht’s noch?

Ach, Mottenpost, schlaf mal schön weiter deinen Schlaf der Ahnungslosen, tippe weiter den dpa-Ticker ab und schicke weiter deine Drücker vor die Einkaufscenter, die mit einer Verzweiflung ihre Ladenhüter in die Passantenmeute penetrieren, die abseits von Callcentern, Handyvertretern und Versicherungsfritzen ihresgleichen sucht.

Und dann stirb bitte irgendwann ganz leise.

Für alle anderen gilt: Lest mehr Blogs. Vernetzt euch. Schaut über den Tellerrand. Es lohnt sich.