Der Drehspieß des Grauens

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Das Melissa Bistro in der Corinthstraße versauert in den Räumen eines ehemaligen sudanesischen Imbisses, der hier in dieser abseitigen Ecke des trübsinnigen Netto-Discount-Gebäudes sang- und klanglos eingegangen ist.Es ist ein trauriger und einsamer Ort. Fettige Boulevardblätter vom Vortag wehen unmotiviert auf den nachlässig geputzten Tischen umher, der örtliche Verticker weißrussischer Stahlwolle-Kippen steht am Daddelautomaten und verzockt seine Tageseinnahmen, Lungenkrebskandidaten quarzen sich die letzten Lungenbläschen kohlrabenschwarz und ich bin auch da. Auf nen Döner. Weil der Monat leider immer noch nicht rum ist.

Sonst ist hier nur selten jemand zu sehen – ebenso wenig wie Perspektive.

Es kostet Überwindung, diese Aura von Wartehalle zu ertragen – kahle Wände, absolut unpassend in hellem Rosa gestrichen, weiße Zahnarzt-Deckenplatten, Neonlicht. Knastkantinenatmosphäre. Es zieht. Kalt geworden wieder in Berlin.

Hier isst kaum jemand. Das merkt man daran, dass der Dönergrill oft ausgestellt ist und erst befeuert wird, wenn sich tatsächlich mal ein Verrückter hier zum Essen niederlässt. Ich zum Beispiel. Weil der Monat und so…

Das Neu-Anfeuern des alten Hacks hat zur Folge, dass die bereits vor einiger Zeit angekokelte, aber inzwischen erkaltete oberste Schicht mit einer zweiten, außergewöhnlich krossen Patina bedacht wird.

Dieses bemitleidenswerte Fleisch gibt aus Protest über seine Vergewaltigung jegliche Flüssigkeit samt Geschmack über das reine Fett hinaus komplett ab und hinterlässt einen merkwürdig brackigen Film im Hals, der noch über Stunden nachwirkt.

Das Fladenbrot wird in konsequenter Weiterführung der Well-done-Philosophie derart großzügig getoastet, dass es eine harte, unangenehm ins keksige gehende Konsistenz annimmt, in deren Folge größere Nuggets abbrechen und sich auf dem Teller zu moderner Kunst zusammenfinden. Cantuccini kommen mir in den Sinn, diese steinharten italienischen Kekse, die es aus unerfindlichen Gründen seit Jahren auf unseren Meetings gibt. Wahrscheinlich hat da jemand eine Tonne Konkursmasse aufgekauft oder es ist immer die gleiche Packung – seit Jahren.

Im Melissa Bistro gibt es auch Schnitzel, bei dem man die völlige Diskrepanz zwischen der Abbildung auf der Werbetafel und seiner tatsächlichen Gestalt je nach Gemütslage als Euphemismus oder Kriegserklärung auffassen kann.
Auf der Werbetafel präsentiert sich saftiges kerngesundes Fleisch, frisch geschnitten aus dem ganzen Stück und nach dem Panieren direkt von der heißen Pfanne goldbraun saftig geküsst.
Auf dem Teller entpuppt sich das traurige Endprodukt dann als im Pommesfett frittiertes billigstes Formfleisch mit Industriepanade (zu offensichtlich direkt und ohne Umwege aus dem Tiefkühler des Netto-Discounters nebenan), das im Rahmen des Frittiervorgangs die Konsistenz eines Briketts annimmt, wobei die Panade zum einen steinhart als auch seltsam schwarz-dunkelorange mutiert und das weiße Fleischbrät im Inneren (es könnte sich sowohl um Schwein als auch um Hähnchen handeln, vielleicht auch um Tofu oder eine Mehlmasse) völlig austrocknet. Es ist keinerlei Eigengeschmack festzustellen außer wieder einem leicht brackigen Fettaroma im Abgang.

Die Currywurst zuletzt besteht aus einer Bratwurst, die aus dem rohen Zustand heraus frittiert und danach mit Ketchup und Currypulver geduscht wird. Apokalypse now.

Das ganze Inferno von Dönerbutze ist eine fiese Prüfung der Festigkeit meiner Magenwand und es tut allein schon weh, der Zubereitung zuzuschauen. Die armen Lebensmittel.

Nicht gut.

Alles nicht gut.

Diese Worte ziehen eine Schneise durchs Melissa.

Hier kann keiner Nahrung.

Endzeit, Freunde, der ganze Ort riecht nicht nach Aufbruch, er stinkt nach Untergang.


Melissa Bistro
Corinthstraße 32
10245 Berlin