Mein Ex-Wein-Nazi

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Mein (Jetzt-Ex-)Weinhändler ist ein Nazi. Ich kaufe bei ihm seit vielen Jahren und mir ist nie etwas aufgefallen – immer nett, immer korrekt, immer freundlich, immer Ahnung. Und über jeden Zweifel erhaben.

Manchmal bekommt man ja Gäste und weiß nicht, was man kochen soll. Keine Inspiration, keine Ideen, pures Nichts im Hirn, völlige Nullnummer, ein laues Lüftchen, Inspirationsvakuum.
Einfach Lidlpizza in den Ofen schieben und Sixpack Berliner Kindl mit einer Flasche Berentzen Saurer Apfel aufmachen geht ja nicht mehr, denn die Gäste haben in den letzten Jahren frecherweise Ansprüche entwickelt, denen sie selber beim Kochen gerecht werden und ich muss deshalb qualitativ nachziehen.

Wenn ich keine Ideen hatte, aber kochen musste, ging ich zu meinem Weinhändler. Der hatte immer außergewöhnliche Einfälle, was man so kochen kann, wenn man mal wieder keine Peilung hat. Und immer gleich den passenden Wein dazu.

So blieb ich oft länger als notwendig im Laden und kaufte stets mehr als geplant.

Neulich kam ich kurz vor Ladenschluss und Musik lief. Irgendwas Punkartiges auf den ersten Blick. Schrabbel Schrabbel. Dröhn. Dann setzte der Gesang ein, mit einem Text, der hier nicht wortwörtlich wiedergegeben werden kann, ohne sich strafbar zu machen.

Es ging um Menschen mit dunkler Hautfarbe, die raus aus diesem Land gehören (Rausrausraus!). Außerdem spielten eine Axt und ein Strick im Liedtext eine tragende Rolle. Mit der Axt kann man nämlich Köpfe spalten und mit dem Strick diejenigen aufknüpfen, die eigentlich raus müssen (Rausrausraus!).

Deutlich zu verstehen.

Kein Mikrophongerülpse wie sonst gerne mal bei Nazirock genommen.

Kein Vertun möglich. Nicht mißzuverstehen. Eindeutig in der Aussage. Glasklar. Nichts dran zu drehen. Nazi-Mucke. Die harte Variante. Keine Ironie. Keine Verarsche. Nazi-Mucke. Rassenrein.

Ich dachte immer, mich kann nichts mehr schocken, aber das saß. Sprachlos. Seit Jahren mal wieder. Das Ding war zu fett. Eine Breitseite, mit der ich nicht gerechnet habe. In Prenzlauer Berg kennt man Nazis nur noch aus dem Fernsehen, wenn aus Marzahn-Hellersdorf oder gleich aus Brandenburg berichtet wird. Nazis gibt es hier offiziell nicht mehr.

Sein Hechtsprung zur Stereoanlage, als er sich umdrehte und mich sah, kam zu spät, ich habe alles gehört.

Ich ging. Wankte eher.

Und ich werde nicht wiederkommen.

Nun kann man einwenden, dass auch Nazis Weine verkaufen dürfen. Auf jeden Fall dürfen sie das. Soll mir egal sein. Nur will ich keine Weine von Nazis haben. Früher wollten sie nicht bei Juden kaufen. Heute kaufe ich nicht bei ihnen. Ja, so einfach ist das.

Hört er so etwas aus wissenschaftlichem Interesse? Hat ihm sein Sohn den Stick an die Anlage gesteckt? Um ihn zu ärgern? Oder ist das ein Webradio, das ihm einen Streich gespielt hat? Falsche URL geklickt? Unwahrscheinlich und mir auch egal. Ich kauf da nicht mehr.

Ich könnte jetzt schreiben, welcher Laden das war, und ich könnte auch einen Ausschnitt der Fassade zeigen, aber das geht nicht, weil auch Nazis Rechte haben. Und ja, ich kann ihn auch anzeigen, denn der Dreck, den er da spielt, ist strafbar, aber Denunzianten und Polizeirufer gibt es in Prenzlauer Berg schon genug, ich möchte nicht in dieser Reihe stehen und jemanden für das Hören von Musik anzeigen, auch wenn sie noch so abstoßend ist. Soll er machen, soll er ihn hören, den Abfall, es sind seine eigenen vier Wände, ich kauf ihm nur nichts mehr ab.

Und mir reicht das als Konsequenz.

Denn Dummheit wird man nie ausrotten können – das ist eine Erfahrung, für die man lange braucht, sie zu begreifen. Man wird älter, ruhiger und regt sich nicht mehr über Maßen auf, zumindest nicht mehr über Dinge, an denen man nichts ändern kann. Dummheit zum Beispiel. Die wird immer da sein, mal mehr, mal weniger und oft an einem Ort, an dem man sie nicht vermutet.

Ich muss der Dummheit nur nicht auch noch Geld geben.

Tschüß, Wein-Nazi, ich such mir einen neuen Weindealer. Schade um dich, schade um meinen Stammladen, schade um die guten Weine.