Der Netto der Verdammnis

In einem selbst für Berliner Verhältnisse äußerst schmucklosen Zweckbau in der Friedrichshainer Corinthstraße hat Netto die Nahversorgung des Viertels sichergestellt.

Farbenprächtige Lockmittel, irgendeine Verschönerung der in weiß-grau gehaltenen Lageroptik mit dem Charme des Behandlungszimmers eines Knast-Zahnarztes oder gar Stil in zumindest rudimentären Ansätzen wird hier nicht geboten.

Netto Supermarkt Ödnis

Für wen auch? Es ist selten jemand zu sehen hier, im gleichen Gebäude verweste einst ein vereinsamter Schlecker vor sich hin, der pleite ging bevor ganz Schlecker pleite ging und dessen Ladenfläche seitdem leer steht. Niemand will sich da einmieten, niemand will hier untergehen.

Einer der vielen vietnamesischen Blumenverkäufer dieser Stadt, die nicht gerade Sushi verkaufen, hat sich hier niedergelassen – ein Blumenverkäufer, dem der Begriff Dünger fremd ist und der mir deshalb mit gequälter Miene einen Untertopf als Ersatz anbietet. Es gibt auch noch einen Lottoladen mit Zeitschriften, einen Bäcker, der von Woche zu Woche weniger Sortiment in der Auslage hat, und ein sehr gruseliges Bistro aus der Mottenkiste der längst verwehten Dönereuphorie. Grundversorgung. Mehr muss nicht.

Netto Ödnis

Gegenüber hat eine Kneipe aufgemacht, die marktschreierisch Sport, Trinken und Rauchen verspricht und damit griffig zusammenfasst worauf es hier ankommt in diesem bisher vergessenen Dreieck zwischen Mediaspree, Oberbaumcity und Boomtown Ostkreuz: Ungeschminkte Betäubung mit Hilfe von Jägermeister, Cabinet Würzig, Champions League. Dazu Bild und RTL 2 gepaart mit der irrealen Hoffnung auf den einen Lottogewinn, diesen ersten und einzigen Big Point im Leben, der alles ändern soll.

Ich sehe eine Frau mit Kinderwagen, die Pfandflaschen sammelt. Besonders viele davon gibt es hier nicht. Von beidem. Pfandflaschen und Kinderwagen. Das Baby im Kinderwagen lacht trotzdem. Es ahnt noch nichts.

Irgendwo singt Udo Jürgens aus einem Küchenfenster „Ich war noch niemals in New York“, hier an diesem Ort, an dem nur der Kleidercontainer vom kommerziellen Kleiderhändler, der eine soziale Einrichtung zu sein vorgaukelt und doch wieder nur Geld machen will, einen verkrakelten Farbakzent zwischen den Stahlbeton setzt. Selbst das Grün der verwahrlosten Büsche wirkt hier so grau als hätte man es mattiert übermalt.

Netto Ödnis Kleidercontainer Tags

Vom Boom des nahen Ostkreuz ist hier noch nicht viel zu spüren, auch von der nahen Oberbaumcity mit ihren ganzen krawattierten Wichtigtuern profitiert hier augenscheinlich niemand, wenn man sich so die leeren Gesichter in ihren löchrigen Jogginghosen, Discountersneakers und der Tagesration Sternburger Pils unterm Arm so anschaut, die einem hier entgegenschleichen.

Jede Plastiktüte, die was auf sich hält, versucht den in den Häuserschluchten pfeifenden Wind zu nutzen, um von hier fort zu kommen.

Netto Hundescheiße

Nicht einmal die Hunde wollen direkt vor den Netto kacken, sie nehmen lieber den Platz auf dem Bürgersteig in sicherer Entfernung. Nicht, dass das abfärbt.

Der traurige Bäcker hat sich mit dem Mut der Verzweiflung ein Herz gefasst und ein paar Plastikstühle mitten in die geballte Schmucklosigkeit vor dem Eingang gestellt, auf denen aber nur selten jemand seinen Kaffee trinkt. Zumeist verirrt sich nur das Laub der dürren Bäume auf die Garnitur oder eine räudige Katze auf der Suche nach den Resten der aufgebackenen Brötchen.

Selbst die Trinker, die mit dem Netto eigentlich ideale Rahmenbedingungen vorfinden sollten, betrinken sich nur selten auf dem hoffnungslos depressiven Vorplatz. Wahrscheinlich fehlt hier einfach das Publikum, niemand trinkt gern allein. Auch der obligatorische Straßenzeitungsverkäufer als berlinweite Manifestation der allgegenwärtigen Armut fehlt hier. Nichts zu holen.

Netto Flaschencontainer

Kinder außer durchfahrende Babys in flaschensammelnden Kinderwägen habe ich hier in der Gegend nie gesehen, zumindest keine, die nicht schulpflichtig auf dem Sportplatz in der Nähe trainieren müssen und sich darauf freuen, bald wieder irgendwo zu sein, wo es schöner ist.

Nein, hier ist nichts zu holen. Für niemanden. Niemals. Außer der täglichen Nahrung, die Putzmittel und der Suff. Das kriegt man bei Netto. Billig und ausreichend. Mehr muss nicht. Nicht hier.

 

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Netto
Corinthstr. 32
10245 Berlin