Der Schnitzelpapst von der Warschauer

Schnitzelpapst Warschauer Straße

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Ich freue mich über jede geschmeidige Geschäftsidee, wenn ich eine sehe. Warschauer Straße. Schnitzel. Als Fast Food. Aber in gut. Mal eben übern Tresen. Auf die Hand. Sonst nix. Kam da schon wer auf so eine Idee? Das ist großartig.

Ich freue mich auch über übersichtliche Speisekarten. Wenn einer wenig da draufstehen hat, kann er das, was da steht, normalerweise auch. Wenn da einer 400 Gerichte von Tex Mex über Currywurst, Indisch, Pizza, Chinesisch bis Wurststulle drauf hat, dann kann der in der Regel gar nix, sondern schreibt nur gerne viel hin.Bei Scheers gibt es mittags Schnitzel vom Schwein mit Pommes, Schnitzel mit Kartoffelsalat und ein Schnitzelbrötchen. Salat dazu. Maximal 5 Euro. Bums. Das war’s. Na gut, wahrscheinlich haben irgendwelche Veganer aus Prenzlauer Berg mal wieder ein Fass aufgemacht, weil sie ausgerechnet hier in einem Schnitzelladen nichts ohne Leichen bekommen haben, deshalb gibt es jetzt auch Gemüseböllchen – wahrscheinlich im handgepressten Grasnarbenöl gebadet und mit indischer Weltmusik besungen -, was nur alle Jubeljahre mal jemand isst und zwar dann, wenn die Gesundheitspolizei aus Bionadeland auf dem Weg zur Yogasitzung beim fakeindischen Guru in Kreuzberg zufällig mal vorbeikommt.

Es ist also ein überschaubares Angebot und ich finde das gut.

Bum Tschaka Bum Zim Zim Zimbel – Housemusik blechert aus den Boxen, zur Freude der vorwiegend touristischen Klientel, die hier das tut was sie am Besten kann: Wichtig aussehen und Sauerstoff wegatmen.

Dazu tut die goldarmreifbehängte Schickeria zu oft zu allem Überfluss auch noch so, als spräche sie Englisch als Muttersprache und betont die Silben so, wie sie sich vorstellt, dass jemand aus Hampshire dies tun würde.

Das klingt aber leider wieder nur wie jemand aus Saragossa, Porto oder Gießen, der was mit Medien macht und Hampshire nachäfft, weil das wichtig klingt. Im Endeffekt nur schlecht synchronisierte After Eight-Werbung auf zwei Beinen.Der latent gymniasiastenartige aber nicht uncoole Typ, der von Monat zu Monat pausbäckiger wird, weil er sich wahrscheinlich sehr einseitig von seinem eigenen geilen Schnitzel ernährt, spielt das Spiel jedoch gekonnt mit und tauscht sich flockig spielerisch auf Englisch mit diesen unvermeidlichen und mit wichtiger Miene vor der Theke stehenden Spaniern über das letzte Konzert von Paul Kalkbrenner, Lexi und/oder K-Paul aus. Alle sind sich natürlich einig, dass es großartig war und wahrscheinlich war überhaupt keiner je dort.

Danach grinst der Gymnasiast so wissend wie dreckig zu mir rüber, der ich wieder unauffällig dastehe und unwirkliche Szenerie einatme, ich lese seine Gedanken („Es ist ein Scheißjob, Dummschwätzer zu unterhalten, aber einer muss ihn ja machen.“) und grinse zurück. Er ist so ironisch wie man nur ironisch sein kann und mal wieder merkt es keiner. Stark.

Manchmal ist der Gymnasiast jedoch besoffen oder auch nur auf Krawall gebürstet. Dann läuft der sehr schlimme Dudel- und Quasselsender 94,3 RS 2 in einer Lautstärke, die Nervenstränge zersetzt. Hardcore. Vielleicht hatte er an so einem Tag aber auch einfach genug wichtige Spanier für heute und will sie vertreiben.

Was soll’s, Mittachs ist sowieso Stoßzeit, das heißt mittachs is voll. Rappelvoll. Spanier hier, Spanier dort. Manchmal ein Portugiese. Oder ein verlorener asiatischer Student, der einem Mädchen einen coolen Ort zeigen will, aber dabei nur noch uncooler wirkt. Und ein dicker deutscher Bauarbeiter. Und noch mehr Spanier. Und Portugiesen. Und ich. Voll. Dann kann man drinnen im Stehen essen oder sich auf die Bordkante setzen. Voll. Eng. S-Bahn-Feeling. Was soll’s? Erfolg hat man normalerweise nicht zu unrecht und zumindest beim Scheers wird eines mehr als deutlich: Der Laden brummt und scheißt Dukaten.

Jakob Scheer, Buddy, geile Idee, ich hoffe du wirst so richtig reich mit der Sache, du hast es verdient.

Scheers Schnitzel
Warschauer Straße Ecke Stralauer Allee
10245 Berlin