Verarsch mich doch (7)

Es gibt Situationen im Leben, da fühlt man sich hilflos und kann nichts dagegen tun. Rasende Aggressivität bricht Bahn und findet kein Ventil, man könnte nun sogar einen kleinen Hund treten, irgendwo dagegenhauen oder die Fahrräder der benachbarten Ökonazis anzünden. Manchmal schaffen Egoshooter Abhilfe. Oder Rennen, bis man Lungenbrocken auf den Asphalt bellt. Oder man hat einen Blog im Internet und kanalisiert kalte Wut in warme Worte.

Kabel Deutschland schrieb mir an einem Freitag, dass ich ab Montag kein digitales Fernsehen mehr haben kann. Ärgerlich. Schon. Wobei, im Fernsehen kommt sowieso nur verdammte Gülle den ganzen Tag, ich weiß das auch, aber ich will die verdammte Gülle wenigstens in HD sehen und die Pustelchen unter der Spachtelmasse von Carmen Nebel zählen (es sind 24, Kader Loth hat mehr).Geht nicht mehr. Digital wird abgeschaltet, sagt Kabel Deutschland. Und das in drei Tagen.

What the fuck? Wo ist die versteckte Kamera?

(ring)

„Guten Tag herzlich Willkommen bei Kabel Deutschland, mein Name ist Felix, was kann ich für Sie tun?“

„Sie werden mich in drei Tagen vom digitalen Fernsehen abklemmen. Warum?“

„Ja, das liegt daran, dass Primacom uns die Verträge gekündigt hat.“

„Wer ist Primacom? Und was will es?“

„Primacom versorgt Ihr Haus mit Kabel.“

„Ach herrje, ist das dieser fürchterliche Anbieter, der mir früher dieses unscharfe analoge Fernsehen in völlig indiskutabler Qualität geliefert hat bevor ich endlich bei Ihnen digital wurde?“

„Ja, genau auf dem setzen wir digital auf. Das dürfen wir jetzt nicht mehr.“

„Krass, und jetzt kündigen die so kurzfristig?“

„Ja, leider. Die wollen das wohl jetzt selber vermarkten.“

„Ich meine das geht doch nicht, drei Tage Frist ist unanständig, das unterstütze ich nicht. Ich möchte bitte sofort komplett zu Kabel Deutschland wechseln.“

„Das geht leider nicht.“

„What the fuck?“

„Sie werden von Primacom versorgt, denen gehört der Zugang zum Haus. Dafür zahlen Sie ja auch.“

„Ja, ich weiß, 12,99 Euro monatlich für nichts. Hab ich schon fast verdrängt. Haben Sie eben tatsächlich gesagt, ich darf nicht zu Ihnen wechseln?“

„Richtig. Sie dürfen nicht wechseln.“

Kopfkino: Don Corleone sitzt im verrauchten Hinterzimmer, im Kreis um ihn herum die übrigen zwielichtigen Mafiosi mit Zigarillos im Mundwinkel. „Ich mache Ihnen ein Angebot, das Sie nicht ablehnen können. Mir gehört der Zugang zu Ihrem Haus. Sie brauchen kein digitales Fernsehen. Ich klemme Sie ab und Sie bezahlen dafür.“

Gut, mal sehen was Primacom dazu sagt:

(ring)

„Primacom?“

„Guten Tag, Sie haben mir das digitale Fernsehen abgeklemmt.“

„Sagen Sie mir erst mal wer Sie überhaupt sind.“

„KackApfelFisch. Berlin. Prenzlwichserstraße.“

„Herr KackApfelFisch. Was wollen Sie?“

„Sie haben mir Kabel Deutschland abgeklemmt. Warum?“

„Das kann ich Ihnen nicht sagen.“

„Wieso können Sie mir das nicht sagen?“

„Ich kann Ihnen das nicht sagen.“

Kopfkino: Weißrussland. Etwas verschwindet. Der Geheimdienst hüllt sich in Schweigen. Bitte gehen Sie weiter. Hier gibt es nichts zu sehen.

„Äh, wie? Ich weiß das klingt absurd, aber ich bin Kunde, Sie können mich doch nicht einfach abklemmen und nichts erklären. Was ist da bei Ihnen los?“

„Die Verträge mit Kabel Deutschland sind gekündigt, mehr kann ich Ihnen nicht sagen.“

„Ja, aber wieso? Und dann mit so kurzer Frist. Drei Tage. Das ist doch unanständig.“

„Die Verträge mit Kabel Deutschland sind gekündigt, mehr kann ich Ihnen nicht sagen.“

„Okay, das hab ich jetzt begriffen. Dann schließen Sie mich bitte mit Ihrem Angebot an ihr digitales Fernsehen von Primacom an.“

„Das geht nicht.“

„What the fuck?“

„Bei Ihnen ist digitales Fernsehen von Primacom nicht möglich.“

„Sie scherzen!“

„Nein. Bei Ihnen ist digitales Fernsehen nicht möglich.“

„Sie klemmen mir Kabel Deutschland ab und sagen mir so lapidar, digital geht jetzt nicht mehr?“

„Ja. Digital geht nicht mehr.“

„Das glaube ich jetzt nicht. Ich habe die letzten Jahre digitales Fernsehen bezogen. Problemlos. Ich beziehe es sogar noch bis Montag. Und Sie sagen es geht nicht mehr?“

„Es ist bei Ihnen nicht verfügbar. Aber Sie haben ja noch analog.“

„Ja, klasse, mit 18 Sendern, darunter so Koryphäen wie 1-2-3.tv, QVC, Spreekanal und dem unsäglichen RBB neben der kompletten wertlosen Riege an Asozialen-TV von RTL 2 bis Sat 1. Und dieser ganze Schmutz kommt auch noch mit Gekrissel und Aussetzern in einer Unschärfe daher, die allerhöchstens für alte Smartphones taugt. Das können Sie nicht wirklich ernst meinen.“

„Ich kann nichts für Sie tun. Schauen Sie analog.““Dann kündige ich und geh zur Telekom.“

„Das geht nicht, gerade hat sich Ihre Vertragslaufzeit bei uns um ein Jahr verlängert.“

„Wollen Sie mich verarschen? Nochmal: Sie können mich doch nicht einfach woanders abklemmen, nichts Eigenes liefern und mir trotzdem sagen, dass ich weiter zahlen soll. Das ist doch unseriös, das können Sie nicht mit mir machen.“

„Doch das können wir.“

„Das können Sie nicht.“

„Ich lege jetzt auf.“

„Was bitte?“

„Wenn Sie in diesem Tonfall mit mir reden lege ich jetzt auf.“

„Ich hab doch noch gar nicht angefangen.“

(klick)

(…)

In solchen Momenten ärgere ich mich über marktradikale Auswüchse, die einen Kunden zum zahlenden Bittsteller eines Privatmonopolisten werden lassen, der kraft eigener Willkür verfügen kann wie es ihm gerade beliebt und nicht einmal etwas erklären muss.


Disclaimer: Text ist aus 2011, war aber zu schade zum wegschmeißen.


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