Herzlichen Glückwunsch, es ist ein Honk (9)

Berlin – Prenzlauer Berg. S-Bahn. Halb sieben morgens. Ich bin sowieso schon schlecht gelaunt, weil man mich eben wieder über Lautsprecher um Verständnis bat, dass gleich zwei Züge hintereinander ausfallen mussten, weil sie fürchteten, eine Schneeflocke gesehen zu haben. Zug. Zug. Es zieht auf dem Bahnhof Schönhauser Allee. Wie Hecht. Suppe. Bäh. Zug. Rein. Zrrrrrrkblabl. Lalü. Hinsetzen. Smartphone. Der Frau schreiben, dass man noch lebt und noch nicht am Bahnsteig festgefroren ist. Und dass sie die U-Bahn nehmen soll.

Neben mich setzt sich der Honk.

Und er stiert.

Er stiert rüber als lese er in einer Bild-Zeitung mit. Ich kippe das Display ein wenig zur Seite, um in Ruhe schreiben zu können, doch jetzt schielt er und hebt den Kopf, ich kippe noch weiter und er beugt den Kopf, offensichtlich um den Winkel zu verbessern und sitzt nun fast auf meinem Schoß. Ein Hauch von Mettbrötchen streichelt meinen Hals. Er will wirklich mitlesen. Es ist keine Paranoia. Der Typ meint das ernst.

Es hilft nix. Ich muss rasten. „Wollen Sie meine Mail lesen? Ja? Ist es so? Hier schauen Sie, ich schreibe gerade meiner Lieblingsoma von MILF-Online in Kasachstan, dass ich morgen gerne vor meinem Monitor fünf gegen einen mit ihr spielen würde, aber nur wenn sie wieder diese fleckige fleischfarbene Strumpfhose mit dem Rosenmuster anzieht, ohne die bei mir gar nix mehr geht. Reicht Ihnen das? Ist es der Information genug?“, flankiert von meinem patentierten Kinski-Koksblick eines gerade ausgebrochenen Psychopathen im Blutrausch.

Doch er versteht nicht und schaut gekränkt als hätte ich ihn in einem seiner ganz natürlichen Rechte beschränkt. Der Honk. Was ist los mit dem? Wo kommen die alle her? Die Berliner S-Bahn ist die stadtweite Sammelstelle für Soziopathen, jeden Tag ein neuer Irrer. Der Nachschub bleibt nie aus. Ein Perpetuum Mobile von Irrentransport. Nie versiegend. Immer bereit, noch ein bisschen mehr zu nerven. Woran liegt das nur?

Dann steigt er aus, nicht ohne einen weiteren vorwurfsvollen Blick. Ich schicke ihm wieder Kinski. Er wird sich nie wieder neben mich setzen, sollten wir uns noch einmal begegnen, was auf dieser Teilstrecke der jämmerlichen S-Bahn schon mal passieren kann.

Honk. Herzlichen Glückwunsch. Und so weiter.

 

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