So viel Kraft und doch keine Freude

Ostsee. Prora. Kraft durch Freude-Urlaubsparadies im Rohbau. Bizarr, einfach nur bizarr. Da gebären die Nazis einfach 5 Kilometer Beton an einem Stück an den Ostseestrand bei Binz und noch über 70 Jahre später weiß keiner etwas mit dem Klotz anzufangen.

Einen Teil hat die russische Siegermacht weggesprengt, aber der Rest steht immer noch in einer Art Endsieghaltung im Rohbau da, als würde er drauf warten, endlich von kraftvoll freudigen Volksgenossen genutzt zu werden.

Verschiedene Armeen (die Rote, die NVA, die Bundeswehr) haben den Klotz militärisch genutzt, seitdem führt er eine Art Zwischenexistenz als permanentes Provisorium.

Kdf Seebad Prora
 Kdf Seebad Prora
 Kdf Seebad Prora
 Kdf Seebad Prora

Es ist ein beeindruckender Bau, immer noch, obgleich er gerade zur Rückseite hin langsam aber stetig verfällt und wildnisgleich zuwuchert. Die Natur hat sich in Richtung Ostsee schon größtenteils ihren rechtmäßigen Anteil zurückgeholt – rückseitig in Form eines kleinen Wäldchens, im Keller durch die Ansiedelung tausender Fledermäuse.Ein Trauerspiel ist der öffentlich-rechtliche Umgang nach dem Abzug der Bundeswehr in den 90ern, wobei ich hier das KdF-NVA-Museum und die Ausstellung „MACHT Urlaub“ ausdrücklich von ausnehme, die sehr liebevoll und detailfreudig arrangiert sind und wahrscheinlich genau deswegen kaum öffentliche Unterstützung erhalten. Ob allerdings die dümmlich-plakative boulevardeske Werbung für diese beiden wirklich sehr sehenswerten, informativen und historisch wertvollen Installationen unbedingt sein muss, kann mit Recht bezweifelt werden. Aber wahrscheinlich muss man mal wieder auch Bild-Leser irgendwie da abholen wo sie stehen („Wahnsinn! Irre Nazis versenken 5000 Millionen Meter Beton im Sand! Auch Schweini klopfte hier auf die Steini!“).

Meine Vermutung, was das katastrophale Nutzungskonzept dieser Anlage betrifft, ist die: Es ist wohl nicht nur wieder die übliche dunkelgraue öffentlich-rechtliche Schieberei, die eine ganzheitliche – und sicher auch gewinnbringende – Nutzung des Areals undenkbar macht, sondern es dürften knallharte Geschäftsinteressen dahinter stecken.
Man stelle sich nämlich vor, das Seebad Prora würde tatsächlich mit einer gewissen Übernachtungskapazität an den Start gehen. Das würde auf Rügen nach dem bekannten und immer wieder gern zitierten Grundsatz „Angebot und Nachfrage regeln den Preis“ deutlich niedrige Übernachtungskonditionen und damit eine niedrigere Gewinnspanne für die etablierten Ferienwohnungsanbieter und Pensionen gerade zur Hochsaison nach sich ziehen und das will die Tourismuslobby nicht.

Und die Tourismuslobby wählt die Entscheidungsträger, weil hier fast jeder vom Tourismus lebt. Von was auch sonst? Fischen? Taubenzucht?

Und die Entscheidungsträger verhindern auftragsgemäß eine sinnvolle Nutzung des Areals mit Hilfe der guten alten Salamitaktik.

So schließt sich der Kreis und die Katze beißt sich in den Arsch. Und deswegen wird Prora über die hier betriebenen Jugendherbergen hinaus nie als das in Betrieb gehen als das es gedacht war. Lieber lässt man es verfallen und verrotten, macht Häppchen draus und verscheuert den Klotz stückchenweise an viele verschiedene Interessenten, die reihenweise scheitern oder gar nicht erst anfangen, etwas damit zu machen – auf dass in Binz und Sassnitz auch weiterhin gesalzene Übernachtungstarife in der Hochsaison eingefahren werden können.

So viele Bananen, die mir dabei gerade in den Sinn kommen, gibt es wahrscheinlich in der ganzen Republik nicht.

Und komm mir keiner mit Umweltzerstörung durch „Massentourismus“ auf Rügen, der Klotz ließe sich auch mit einem entsprechenden Konzept nachhaltig ökologisch betreiben – eingebettet in die zweifellos schöne und schützenswerte Natur, in die man ihn erbrochen hat. Das ließe sich alles regeln und läge damit zudem voll im Trend.

Nein, es geht hier nur darum, das Angebot knapp und damit die Preise hoch zu halten – ähnlich wie bei Strom und Gas. Da will man auch keinen Wettbewerb und deswegen gibt es auch keinen.

So bleibt: Hier an diesem Ort kann der historisch Interessierte zweifellos einen tagesfüllenden Ausflug unternehmen und hat danach immer noch den Eindruck, dass er, obgleich vollgestopft mit aus Ohren, Nasen und Rosette tropfendem Wissen, immer noch nicht alles gesehen hat. Ganz klar, ein Besuch der Anlage lohnt sich, am besten unter Begleitung der sehr professionellen Führung der Enthusiasten der Ausstellung „MACHT Urlaub“.

Sehenswert.

Und nicht, dass jemand denkt, es gäbe dort nichts zu essen, nein, es gibt auch „Wust“ :

 Kdf Wurst

Dokumentationszentrum Prora

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