Herzlichen Glückwunsch, es ist ein Honk (8)

Neulich im Treppenhaus:

„Ist das ihr Kind, das immer so laut schreit?“

„Wäh?“

„Ist das Ihr Kind? Das immer so laut schreit.“

„Ja, was soll ich machen? Knebeln?“

„Ich meine ja nur, man hört es so oft.“

„Ja. Is so. Kinder schreien eben ab und zu. Don’t blame the player, blame the game.“

Prenzlauer Berg. In Berlin. Wohl nicht ganz. Oder nicht mehr.

Denn in Berlin kennt man seine Nachbarn nicht und man spricht sie auch nicht an. Nie. Nix. Keine Eier. Kein Mehl. Keine Fragen nach Milch. Dafür gibt es Spätis. Oder den Kaisers, der inzwischen bis Mitternacht auf hat und die Spätis wegmobbt. Und wenn ich keine Eier/Mehl/Milch mehr habe und der Spätikaisers zu hat, dann hungere ich eben oder fahr zu Burger King am Alex.

Nochmal: Man spricht seine Nachbarn nicht an. Auch nicht im Treppenhaus. Man raunt als Grußsimulation, wenn man sich unvermeidlicherweise mal begegnet, allerhöchstens Unverbindliches in den Bart, was von „Hallo“ über „Up the Irish“ bis „Fick dich selber“ alles bedeuten kann. Aber man spricht nicht. Schon gar nicht an. In Berlin kann man sterben und drei Wochen in der Wohnung verwesen bis man eine astreine Legierung mit dem Sofa eingegangen ist. Niemand merkt das – bis das Treppenhaus nach Leiche stinkt. Das ist gut so. Kommunikation unter Nachbarn ist böse. Ich will Euch nicht kennen. Und schon gar nicht kennenlernen. Denn Bekanntschaft unter Nachbarn zieht Forderungen nach sich: Gestern war es aber laut bei euch. Einladungen: Wir haben den Dinkel auf dem Balkon geerntet und einen Kuchen gebacken. Einmischungen: Seid ihr sicher, dass das Plastikspielzeug gut für euren Nachwuchs ist? Und zuletzt jede Menge nutzloser Information: Amadou-Savoy kann jetzt Bilder mit seinem eigenen Kacka malen. Er ist nämlich hochbegabt.

Nein. Kenn ich nicht, die buckligen Gestalten, die hier hausen, will ich auch nicht und das war hier auch schon immer so. Bis jetzt.

Ist das Ihr Kind, das immer so laut schreit? Go fuck yourself. Was kommt als nächstes? Wollen Sie auf einen Yogi-Tee rüberkommen? Ich habe auch einen Kressekuchen gebacken. Meinen Sie, dass der Lärm von Ihrem Egoshooter für die Entwicklung Ihres Kindes gut ist? Sie waren aber letzte Nacht spät zuhause. Denken Sie daran, dass Sie heuer mit der Kehrwoche dran sind?

Liebe biologisch abbaubare Nachbarin mit Heilsteinen um den Hals aus einer Gegend, in der man fürchterliches Deutsch spricht: Sprechen Sie mich noch einmal auf Dinge an, die Sie nichts angehen (das sind so ziemlich alle Dinge, die es überhaupt gibt), werde ich dem nächsten skandinavischen Backpfeifengesicht-Pub-Crawl, der hier vorbeizieht, eine Flasche Blutwurzel als total tolle deutsche Spezialität in die Hand drücken – mit der Auflage, den später vor Ihre Wohnungstür zu kotzen, an der seit Jahren dieser potthässliche Trockenstrauß Dörrblumen über dem kreuzdämlichen Schild „Hier lebt, liebt und lacht Familie Eierkopf“ hängt. Kam das an? Dringt das durch?

Honk. Verdammmichauch. Glückwunsch.

 

 

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