Der Dönermann hat angerufen, deine Mudder dreht sich nicht mehr

Döner Schönhauser zu

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Aus! Aus! Das Spiel ist aus! Von den einst zweihunderttausend Dönerimbissen (Imben?) in der Schönhauser Allee der 90er sind nur eine halbe Handvoll übrig geblieben. Alle anderen hat der Zeitgeist weggefegt. Döner ist nicht mehr ganz so politisch korrekt, wenn hier in jedem zweiten pastellfarbenen Altbau die Kinder ihre beknackten Doppelnamen tanzen, die Mütter in jedem dritten Stockwerk jedes hässlichen Neubau-Glaskastens meditativ bogenschießen und die traurigen Väter bei den unzähligen Psychotherapeuten sellerieknabbernd sich selber suchen, weil sie sich und ihr steril gewordenes Umfeld nicht mehr ertragen.Nun hat es Tayfun’s Bistro erwischt. Das Original mit Deppenapostroph.

Das Ding gab es hier schon gefühlte Jahrhunderte und sah wohl schon bei der Eröffnung zu Zeiten der Bauernkriege schäbig und ranzig aus. Es hatte diese ach so typische Dönerimbissoptik, dieses verfilzte speckige Orange-Gelb-Rot, an das sich der Dönerdunst von Jahrzehnten schmiegte und den man nie wieder aus diesen Räumen rauskriegen wird, selbst wenn man das ganze Haus mit dem Flammenwerfer reinigt. Oder gleich ganz abreißt.

Tayfun’s. Manchmal, selten, einmal im Jahr hab ich so einen Knast auf Döner, dass ich in meiner Verzweiflung sogar da reinging, in diese verdammte Altherrentorte von Döner, mit Daddelautomat an der Wand, Sechserträger Becks hinter der Theke und einem Publikum, das hier im Dönerdunst den helllichten Tag und nebenbei die Stütze versoff, weil es gar keine Eckkneipen in der Gegend mehr gibt, die nicht ironisch sind, neben lauter Bubble Tea und Ayurveda und Ahornblättermassage und Pilates und dem ewigen Yoga mit dem spirituellen Segen von Sri Chinmoy, der mich an allen Ecken dieses verkommenen Bezirks von seinen tausenden Plakaten angrinst als wolle er mich verhöhnen: „Yoga! Yoga! Es gibt bald keine Straße mehr ohne Yoga. Du bist eingekreist! Assimiliere dich oder geh einfach weg.“

Fuck Yoga.Von außen sieht man jetzt keine Trinker mehr durch das Milchglas, das gar kein Milchglas war, es war nur alt und speckig und wurde zu Milchglas. Glas-Evolution. Jetzt nix mehr. Hier gibt’s kein Becks mehr. Wohl nie wieder. Bald Latte. Sushi. Parmabagel mit Frischkäse. Oder Feldenkrais.

Die letzten paar Trinker dieses Bezirks, die noch nicht von Bürgerinitiativen vertrieben worden sind, müssen mal wieder woanders hin zum Trinken und Daddeln. Gegenüber. Andere Straßenseite. Da ist noch einer. Genauso ranzig, genauso orange-rot. Ein weiterer letzter Ranzdöner auf der Schönhauser. Und wenn der mal weg ist, bleibt nur noch …

… Pankow.