Dreck fressen

Berlin hat wieder eine Geschichte geschrieben.

Denn da saß dieser seltsame Typ neben mir in der Kneipe und wollte Dreck fressen.

Dreck fressen?

Dreck fressen. Nach Stunden rückte er damit raus, es muss ihn die ganze Zeit beschäftigt, eher innerlich zerrissen haben, bis er es dann rausließ, sich öffnete, sein Innerstes nach außen kehrte. Seelenstrip. Im Whiskydunst. Haut er es raus.

„Du isst doch so oft Dreck.“

„Wäh?“

„Dreck. Du. Oft. Essen. Steht bei dir im Blog. Und früher bei Qype.“

„Naja, nicht freiwillig, aber Berlin ist eben die unangefochtene Hauptstadt des Scheißessens. Jeder Idiot, dem sonst nix einfällt, macht hier ein Lokal auf und verkauft Scheiße auf Toast. Da ist die Chance so verdammt hoch, dass man immer mal wieder Dreck isst. Und wenn das passiert, dann kann man es doch auch verbloggen, um seine 3½ Leser zu warnen.“

„Ich will das auch mal machen.“

„Bitte was?“

„Auch mal machen. Da draußen ist ein Döner. Ein ranziger Döner. Lass uns da einen Burger essen.“

„Ein Burger in der Dönerranzbutze? Bist du naß?“

„Ja, genau dort.“

„Aber das ist doch fahrlässig. Mit Ansage. Nebenan ist Burger King. Lass da einen Big King zischen.“

„Nee, lass mal machen. Burger. Anner Kackbutze. Ich brauch das jetzt, ich will das haben. Lass uns Scheiße essen. Mit Absicht.“

Ich habe gelernt, die vielen seltsamen Menschen in dieser Stadt entweder ausdruckslos anzustarren bis sie gehen, spontan in einer Masse unterzutauchen, um ihrem Wahnsinn zu entgehen oder – wenn es ums Verrecken nicht anders möglich ist – ihnen einfach ihren seltsamen Willen zu geben. So landete ich schon auf dem Tegeler Schlagerboot zum Schlagermove, in einer Bar mit Darkroom und als Gipfel des Unsinns sogar in einem Bioladen.

Jetzt soll es der Euro Snack sein, diese Butze unter dem U-Bahn-Viadukt auf der Schönhauser, Ecke Stargarder und Gleimstraße. Dieses fiese neonbeleuchtete Ding, das seinen Profit alleine daraus zieht, so ziemlich als Einziger der Gegend nachts um zwei Uhr noch warme Nahrung produzieren zu können.

Döner Burger

Grundgütiger. Diese Kacheln. Es sind die Kacheln. 90er-Kacheln. 90er-Stahloptik. 90er-Hackfleischspieß als trauriger Rest eines weiteren traurigen Tages unter dem U-Bahn-Viadukt. Traumatisierend ist vor allem dieser armselige Drehspieß, dessen Rinde – man muss es Rinde nennen – gerade für einen anderen Irren abgepult wird, der hier fahrlässigerweise isst.

Der seltsame Mensch, der Dreck fressen will, bestellt Burger. Es gibt kein Burgerbrötchen mehr und ich freue mich spontan auf Burger King gegenüber. Home of the fucking Whopper. Big King XXL. Mach mich glücklich, mein König.

Aber der Dönermann grätscht dazwischen: „Isch kann eusch Burger im Fladenbrot machen.“ For fuck sake, ich hab schon viel Unsinn gegessen, meistens im Suff, gerne kurz vor dem Koma und immer nicht schuldfähig, aber das Ding toppt alles.

Dreck

Kalter Dönerschrott meets nur halb angeschmolzenen Scheiblettenkäse meets halbdurchgebratenes Minipaddy aus der Tiefkühltruhe.

Und zu allem Überfluss grinst mir noch ein Tomatenendstück mit Strunk entgegen – frisch aus dem Haufen Unsinn geflogen. Ein Tomatenendstück mit Strunk. Immer ich. Ich hasse Tomatenendstücke mit Strunk. Alle Dönermänner dieses Bezirks haben sich verschworen und packen mir ihre verfickten Tomatenendstücke mit Strunk rein. Das Tomatenendstück-mit-Strunk-Trust von Prenzlauer Berg. Die Tomatenstrunk-Mafia. Don Corleone im Hinterzimmer vom Kaplan Döner: „Nein, legt ihm keinen Pferdekopf ins Bett, tut ihm Tomatenendstücke mit Strunk in den Döner, immer wieder. Das kocht ihn weich.“

Ich will nicht mehr, ich will Tomatenendstücke mit Strunk auf verzogene Biokinder schmeißen, sollen die den Scheiß fressen, ich will den ganzen Fladenbrotburgerscheiß irgendeinem mülltrennenden Ökohippie hinterherschmeißen, aber um diese Zeit treiben sich nur noch ein paar versprengte Touristen hier rum, die ahnungslos annehmen, in Prenzlauer Berg sei nachts um zwei noch irgendwo was los.

Der andere arme irre Versprengte, der gerade an seinem Döner kaut, wünscht uns hämisch „Fröhliches Abscheißen heute nacht.“ Der hat’s nötig – mit seiner verkohlten Ranzdönerrinde aus der Hackfleischhölle.

Ich beiße zweimal ab, bin heute aber leider nicht besoffen genug, um den Abfall komplett zu essen und schmiere das Machwerk mit dem Inhalt nach unten auf den Sattel eines der hier angeketteten Fahrradnazi-Mountainbikes, das so aussieht als würde es am Tage kleine Kinder vom Bordstein fegen.

Dreck fressen. Seltsame Menschen haben seltsame Ideen in dieser Stadt. Aber hat es durchgezogen. Er hat alles gefressen. Den ganzen Dreck. Bis auf das letzte verschissene Sesamkorn auf dem furztrockenen Fladenbrot.

Seltsame Stadt. Seltsame Menschen. Seltsame Ideen. Alles. Nur nie langweilig.

img_20190116_2128194830293245704306769.jpg