Schwaben-Hass. Mobscene

Spielplatz Gerüst


Ein Zottelbart regt sich medienwirksam über banale Brötchen auf und plötzlich gibt es eine bundesweite Debatte über Gentrifzierung in Prenzlauer Berg. Haha, jetzt wo diese nahezu abgeschlossen ist. Scherzkekse. Das kommt zum einen satte zehn Jahre zu spät, zum anderen ist der Aufhänger ein jämmerlicher Witz und diskreditiert durch seine Stumpfheit jede Kritik daran, dass ein ganzer Stadtteil in der Tat komplett kulturell überrollt wurde.

Soweit zum Schrippen-Thierse vom Boulevard.

Und dann gibt es noch den Mob.

„Schwaben-Hass“, „Schwaben raus“, „Tötet Schwaben“ prangt es zum Beispiel rund um den Arnimplatz auf Klettergerüsten, Parkbänken und Häuserwänden, wird immer wieder übermalt und immer wieder neu hingetaggt.

Prenzlauer Berg 2013. Das war abzusehen. Da gibt es endlich mal ein dankbares Opfer, das eine astreine Projektionsfläche abliefert, um verarscht, verlacht und auf seinen SUV-Kinderbuggys im Biowahn durch das Feuilleton der Elfenbeintürme gejagt zu werden und dann kommt im Windschatten schon wieder der Mob daher, schlachtet ein Schaf und will ein Schwein hängen sehen.

Die Schwaben sind jetzt unser Unglück.

Keine Party ohne Schwabenthema. Und jeder steuert was bei. Sie kaufen Berlin. Sie kaufen alles. Sie gründen Privatschulen. Privatkindergärten. Sind privatversichert. Sie haben mehr Geld.

Und es gibt schon T-Shirts und Aufkleber fürs Auto zu bestellen: „Original-Berliner“ und „Ich bremse nicht für Schwaben“.

Und Plakate hängen an den Wänden: „Ostberlin wünscht eine Gute Heimfahrt“ oder „Schwaben was wollt ihr hier?“. Man ersetze mal Schwaben durch Türken oder Juden, dann scheint die Geisteshaltung deutlicher durch.

Neulich in der Straßenbahn zeigte ein langhaariger Informatikerlookalike auf ein Baugerüst und sagte zu seinem nicht minder langhaarigen Informatikerlookalikekumpel: „Hier. Alles neu. Noch mehr Wohnraum für noch mehr scheiß Schwaben.“

Und dann brennen die Kinderwagen im Treppenhaus – nicht mehr nur die Daimlers vor der Tür. Und der Täter, den sie tatsächlich mal geschnappt haben, gibt treudoof als Motiv „Hass auf Schwaben“ an – als wäre das ein mildernder Umstand.

Ein Zündler. Euer Zündler, Mob. Der Schoß ist fruchtbar wie eh und je und er geht auf euer Konto. Der Brand. Die Brände. In den Treppenhäusern. Und der Zündler beruft sich auf euch. Seid stolz.Mob.

Vor 15 Jahren waren es noch die massenhaft genetisch bedingt autosklauenden Polen – von jeder Asozialenzeitung mit großen Buchstaben durch den Boulevard gejagt – und der Mob stand schon wieder mit Fackeln in der Hand und Geifer am Mundwinkel am eingebildeten Sender Gleiwitz an der Stadtbrücke zu Frankfurt/Oder und beschmiss polnische Autos mit Eiern.

Mob.

Und kürzlich hetzte ein schielender Buchautor mit grauer Rotzbremse den Mob auf die Türken aus Neukölln, deren bärtige Ayatollahs der Deutschen ach so blonde Frauen rauben und zu kleinen zwangsverheirateten Kopftuchmädchen machen wollen.
Der Mob hat das Werk auf den ersten Platz der Spiegel-Bestsellerliste gehyped. Dort waren auch schon Dieter Bohlen und zuletzt Bettina Wulff. Gratulation, Dichter- und Denkerland. Seid stolz.

20 Jahre früher vertrieb der Mob ein paar Busse voller Afrikaner aus einer Asylunterkunft in Hoyerswerda, nachdem er vorher von der örtlichen Presse aufgehetzt wurde. Gleiches in Rostock-Lichtenhagen ein wenig später. Nur waren es dort Vietnamesen, was keinen Unterschied macht. Anders sein reicht.

Für den Mob.

Jetzt also die Schwaben. Am Anfang war es ein Gag, ein bisschen Verarsche, ein bisschen Abgrenzen vom blöden Kiezaufkäufer, Fassaden-Rosa-Bepinseler, Kressebeetbauer im Dachgeschoss mit Biosiegel auf seiner Designerhornbrille, der kein richtiges Deutsch kann.

Es ist ja auch eine dankbare Vorlage: Natürlich kaufen sie massenhaft einen Bezirk auf, zu dessen einst legendären Ruf sie nichts beigetragen haben und den sie nun auf alle Zeiten ruinieren, natürlich machen sie Zettel an meine Mülltonnen, weil ich auf ihre dämlichen 20 verschiedenen Mülltonnen und ihren stinkenden Rattenparadies-Komposthaufen namens Biotonne scheiße und natürlich ist ihr Dialekt zu oft zu fürchterlich – keine Frage.

Und ja, sie haben meine Jugend wegsaniert.

Und natürlich mag ich die meisten meiner neuen Nachbarn auch nicht. Diese grün-konservativen Hausmütterchen mit ihren 800-Euro-Kinderwagen und diese traurigen domestizierten Würstchen von Biopapas mit ihrer analen Fixierung auf das Trennen von Müll sind zum Abgewöhnen, Wegrennen, Auf-einen-Berg-in-den-Anden-Auswandern, ganz klar. Ich kann das gar nicht bestreiten.

Muss man aber nun gleich wieder mit Fackeln losziehen? Muss man wieder übertreiben? Muss man schon wieder ein Pogromklima schaffen? Geht’s nicht mal ohne? Kann man nicht mal drüber lachen, wenn man sonst nix tun kann? Sich lustig machen? Die eingewanderten Spießer ein wenig verarschen? Bloßstellen meinetwegen. Mit Worten plattmachen. Aber immer den Schalk im Nacken dabei. Nein? Muss es wieder bierernst sein? Tötet Schwaben? Seriously?

Das Problem ist sowieso nicht mehr lösbar. Der Bezirk hat die Versnobung, die Luxussanierung, das Bilden von Gated Communities, die Verödung durch Townhousesiedlungen und das Verdrängen der alten Bevölkerung jahrelang ignoriert, völlig verkackt, das Thema ist durch, sie wohnen jetzt hier, Dachgeschoss an Dachgeschoss, Altbau an Altbau, Townhouse an Townhouse, Biotonne an Biotonne, in ein paar Jahren werden sie hier als letzte Assimilationsstufe ihre verdammte Kehrwoche einführen und wer von den letzten alten Bewohnern keinen Bock auf dieses Stückchen Pforzheim-Buckenberg mitten in Berlin hat, der zieht spätestens dann weg. Ist halt so. Sie haben gewonnen. Was soll man jetzt noch dagegen machen? Deportieren? Enteignen?

Nein. Das Thema ist durch. Ende. Der Vorhang ist gefallen. Für das eigene Seelenheil hilft jetzt nur noch Verarschen bis das Spätzlewasser kocht. „Schwaben raus“ an Häuserwänden jedoch ist nur Ausdruck unendlichen geistigen Elends auf NPD-Niveau.

Mob.

Ich will das hier nicht. Schon gar nicht auf dem Klettergerüst vom Arnimplatz. Da wo mein Kind spielt. Das mich irgendwann fragen wird, warum die sowas schreiben, worauf ich antworten werde, dass es leider immer noch viel zu viele arme Kleingeister in dieser Stadt gibt, die ihre Wut über Missstände auf eine exponierte Randgruppe projizieren müssen, was jedem berechtigten Protest eine rassistische Volte gibt und ihn damit diskreditiert. So wie Schrippen-Thierse mit seinen bescheuerten Brötchen, der jetzt den Boulevard hoch und runter gepeitscht wird und damit nicht nur sich, sondern das ganze Anliegen lächerlich macht.

Das wird mein Kind nicht verstehen, deswegen werde ich sagen „Weil sie doof sind.“, denn das stimmt ja auch irgendwie.

Und wenn mein Kind nicht im Raum ist, sage ich leise: Fick dich doch, Mob. Ich will dich hier nicht.
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