Tot, Töter, Westend

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7.30 Uhr. Westend. Spandauer Damm. Jenseits der Stadtautobahn. Ein Himmel so grau wie die Fassaden. Die Autobahn rauscht. Nieselregen. Es zieht. Hier auf dem Catwalk der Bestatter, dem Sterbeghetto. Ein Abdecker neben dem nächsten. Särge. Urnen. Tod. Wo bin ich hier? Ich würd jetzt gern was essen, nen Kaffee trinken, die Endzeitaura kurz vergessen machen. Carpe Diem Bistro. Neben einem Sleep-Cheap-Hostel in Orange. 10 Euro die Nacht. Trash mit Ansage.

Und nun hab ich gleich mal ne Frage: Wie? 

Was wie?

Wie schafft man es, ein belegtes Brötchen frühmorgens schon kross altbacken anzubieten und den völlig geschmacksentkernten Billig-Camembert dadurch noch trauriger dastehen zu lassen? Wie geht das? Und warum? Ist es die Zielgruppe? Die Hostelhorden? Die Einmal-und-nie-wieder-kommer? Oder füttern die Friedhofsgänger als Höhepunkt eines verschenkten Tages damit die Tauben? Nur schwer essbar. Der Kaffee ist kaum besser. Tastes like Automatenbrühe und macht weder Freude noch wach. Ich will Wasser zum Kaffee, um den Bittergrind aus meinem Hals zu spülen.

„Kannst dir ne Bonaqa-Flasche ausm Kühli nehmen.“

Bonaqa, auch das noch, der bucklige Quasimodo unter den Wassern.

Dazu kumpeliges Ikea-Duzen. Als weiterer Sargnagel dieses Morgens.

Und zuletzt auch noch Kühli. Infantile Studi-WG-Sprache. Hässlicher Cousin von Spüli. Mülli. Flugi. Hundi. Katzi. Arschi. Ficki.

Ich hab heute keinen Bock mehr auf gewollt hippe Lässigkeit gepaart mit vorsätzlich unguter Ware. Weg hier. In Latte-City Prenzlauer Berg wäre der Laden in ein paar Wochen weg vom Fenster, in Abdecker-City Westend am Spandauer Damm ist er der einzige seiner Zunft. Und genau deswegen gibt es ihn noch.


Carpe Diem Bistro
Spandauer Damm 102
14059 Berlin