Meet the Literaturschnösel

Backfabrik

Man merkt, dass man beginnt, alt zu werden, wenn man inzwischen zu Lesungen geht. Der Verfall beginnt. Jugend – Lesung – Tod.

Clinker Lounge in der schön restaurierten Backfabrik irgendwo kurz vor Berlin-Mitte. Sie sind da. Die Erwarteten. Die Erwartbaren. Die Schnösel. Heute als Literaturschnösel unterwegs. Weißhaarige blasierte Literaturzombies mit Rotweinhirschbratenplautze und Zottelbart, jene zu meiner Freude mit der Digitalisierung unvermeidbar untergehende Spezies, die immer noch merkbefreit zur Musik tanzt, sich selbst feiert und sich für Gottes Geschenk an den Berliner Kunstbetrieb hält.

„Ich muss nachher noch ins Kino International“ schnöselt es hinter mir. „Premiere vom neuen Fatih Akin. Treffe mich da mit Jürgen Vogel. Werden das neue Projekt durchsprechen. Moritz Bleibtreu kommt vielleicht auch. Hey! Kuck mal, die haben vergessen mein Ticket abzureißen. Sims mal die Gudrun an, dass die sich keines kaufen muss, die kann meines haben. Ich komm gleich raus.“ … und tritt gegen meinen Sitz wie ein Proletenkind im Multiplex.

Ich hatte gestern das Huhn mit vierzig Knoblauchzehen und rülpse eine Schwade Atem des Todes über die Schulter. Der „Ich bin der Buddy von Jürgen Vogel und Moritz Bleibtreu und deshalb wichtig“-Schnösel verstummt angewidert und seine in Teppichen gehüllte klischeebionadesaufende Germanistik-und-Kunst-auf-Lehramt-Lookalike-Begleitung wird grün im Gesicht. Memo: Karmapunkte gesammelt. Werde im nächsten Leben wohl doch keine Biotonne.

Hier in der Backfabrik lebt der Fahrstuhljazz vom Band. Chill. Chill. Dengel. Blöp. Zimbel. Dudel. Nichts passiert hier sonst. Nur Zimbel-Dengel-Dudel-Jazz. Die Lesung beginnt zu spät. Natürlich. Wer pünktlich beginnt, der ist nicht wichtig. Man lässt warten. Es ödet mich an.

Ich studiere den Raum. Industrialcharme. Aus alt mach neu. Rohre. Muffen. Scharniere. Gesprungene Fliesen. Alles restauriert und doch vorsätzlich schäbig belassen. Doch in gut, nicht in Prenzlauer-Berg-Ich-brenn-mir-mit-dem-Bunsenbrenner-Brandflecken-in-die-Blümchentapete-Caramel-Wocochino-Style. Mir gefällt das hier.

Die Lesung beginnt dann irgendwann doch noch und gegen Mitte der Veranstaltung beginnt etwas zu stören. Klonk! Massiv zu stören. Klonk! Es sind die Flaschen. Klonk! Vorne wird – Klonk! – gelesen und die Fla – Klonk! – schen fallen reihenweise um, weil – Klonk! – viel zu viele Autisten sie – Klonk! – nach dem Austrinken unter den – Klonk! – Stuhl – Klonk! – stellen, wo sie sie irgendwann – Klonk! – mit den Füßen umschmeißen, weil sie – KLONK! SCHEPPER! Das war jetzt ein Weinglas – vergessen haben, dass sie sie dahin gestellt haben. Klonk! Tolle Idee, Glasflaschen zu verkaufen, wenn man einen Estrichboden hat. Klonk! Man muss als Veranstalter immer die tumbe Masse der Schafe bedenken, die in einer Lesung im Akkord – Klonk! – Glasflaschen umstoßen, weil sie es nicht besser können. Klonk! Das muss man wissen. Klonk! Und dann muss man gegensteuern. Klonk! Gibbet halt nur noch Plastik. Klonk! Schade. Klonk! Schade. Klonk! Echt schade.

Klonk!

Aber immerhin hat man an eine gute Lüftung in diesem Kellerraum gedacht, das ist wichtig, sonst werden meine Augen trocken und rot wie bei einem durchschnittlichen Kiffer und sie fallen nach kurzer Zeit einfach zu, weil kein Sauerstoff mehr da ist. Hier nicht. Gut.

Irgendwann bin ich raus aus dem Jahrmarkt der wichtigen Blasierten. Viel zu schnell vorbei für die 17 Euro. Dennoch, es ist ein schöner Ort für so etwas, Literatur, hier passt das hin, besser als in eine enge Buchhandlung oder eine sterile Galerie. Ja, ein wirklich schöner Ort. So geht’s.


Clinker Lounge in der Backfabrik
Saarbrücker Str. 36b
10405 Berlin


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