Winter in der Stadt der Versager

Versager
Avanti dilettanti! Es hat gestern ein bisschen geschneit in Berlin. Zeit zum Versagen.
Ganz vorne mit dabei war erwartungsgemäß die erbärmliche Berliner S-Bahn, deren Stadtbahn beim Anblick der Schneeflocken zuerst völlig zusammenbrach und später nur einen Teil der Strecke abfuhr, um dann umzukehren, natürlich ohne diejenigen armen Irren zu informieren, die für so eine Leistung auch noch ihr sauer verdientes Geld abdrücken und sich dafür auf dem überfüllten Bahnsteig den Arsch abfrieren dürfen.
Als Gimmick wurden dafür wieder einmal reihenweise vereiste Türen mit Eiszapfengemälden über dem Einstieg gegeben, die ums Verrecken nicht zu öffnen waren und den Zugang zum Wagen zu einer Art lustigem Roulettespiel machten, was der undankbare Fahrgastpöbel allerdings ums Verrecken nicht goutieren wollte und lieber kollektiv übel nahm.
Das sind dann die Momente, in denen ich mich frage, ob der frierende Bahnhofs-Mob die Verantwortlichen irgendwann aus ihren warmen steuersubventionierten Büros in der Invalidenstraße geteert und gefedert durch die Stadt treiben wird, auch wenn der Dienstsitz Invalidenstraße vom Namen her für diesen Krüppel von Dienstleistungsunternehmen der vollendet ideale Standort ist, den man nie wieder toppen werden wird, es sei denn, es gibt irgendwann in Berlin eine Totalversagerstraße, die man speziell für die S-Bahn baut – irgendwo dort, wo der Pfeffer wächst.

Versagt hat natürlich auch der Winterdienst der Berliner Stadtreinigung, der im Dezember wieder völlig unvermittelt vom Winter überrascht wurde – nur noch übertroffen von den Versagern der privaten Räumdienste für die Bürgersteige, die in Zeiten, in denen die alten zuverlässigen Hausmeister längst flächendeckend wegrationalisiert wurden, wieder einmal mehr Aufträge angenommen haben als sie bewältigen können und die, wenn sie dann gegen Nachmittag tatsächlich mal tätig werden, den Schnee doch nur wieder zu einem Eispanzer glattwalzen, auf dem man sich nur auf Kufen fortbewegen kann.Unser Räumdienst für unseren Bürgersteig hat es bis zum Abend nicht geschafft, seinen eispanzerwalzenden Arsch hierher zu bewegen, wahrscheinlich weil ihm die Sonntagszuschläge für seine Aufstockerangestellten zu teuer sind. Der wartet lieber auf Montag so wie ich darauf warte, dass sich hier mal jemand die Hüfte bricht, dessen Behandlungskosten dann die nächsten Jahre auf meine Betriebskostenabrechnung aufgeschlagen werden.

Und weil das nicht reicht, fallen in der ganzen Stadt die Aufzüge und Rolltreppen noch häufiger aus als das sowieso schon bei normalem Wetter der Fall ist und machen damit das Fortbewegen mit kleinem Kind zur endgültigen Tortur, während auf der Straße alle Autofahrer spontan das Autofahren verlernen, selbst wenn sie nicht aus Brandenburg kommen.
Traumhaft – da rieselt ein bisschen Schnee, der in echten Hauptstädten wie Moskau oder Kiew nicht einmal als richtiger Schneefall durchgehen würde, und die deutsche Hauptstadt ruft reflexartig den Fimbulwinter aus und geht komplett in die Knie. Panik! Hysterie! Ragnarök! kreischt die Presse dazu, während jedes Provinznest, auf das Berlin gerne bei jeder sich bietenden Gelegenheit großkotzig herabschaut, die paar lausigen Flocken besser im Griff hat.

Kein Winterdienst, keine S-Bahn, kein Flughafen, keine Aufzüge, keine Rolltreppen, kein Geld, keine Jobs, kein Sinn, kein Verstand. Es macht manchmal sehr müde, in dieser Stadt zu wohnen, die nichts gebacken kriegt. Sehr müde.

 

 

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