Weihnachtsmarkt-Trash

Trash Hype Nerv

Alljährlich im November fällt er über Berlin her – der Weihnachtsmarkt-Hype: Flächendeckend, unvermeidlich, aber umso penetranter. Im Prinzip eigentlich ein schnöder Rummel, nur mit Weihnachtsmotto, werden an allen möglichen prominenten Plätzen in Berlin die ranzigen Bretterbuden aus dem Boden gestampft, mit Tannenzweigen und Weihnachtsklimbim versehen und das verkauft, was man beim Schützenfest, bei der Wahl der „Miss Araltankstelle“ in der brandenburgischen Provinz oder beim letzten Deutsch-Französischen, Deutsch-Amerikanischen oder Deutsch-Somalischen Volksfest nicht losgeworden ist.

Es herrscht das große Fressen allerorten: Asia-Glutamatpfanne reiht sich an Nackensteakschwenker reiht sich an Hackfleischbilligdöner reiht sich an schmierige Fünf Meter Bratwurst reiht sich an verklebte Gummibärchenselbstbedienungstheken reiht sich an fettvollgesogene Tiefkühlkartoffelpuffer reiht sich an Fressbude an Fressbude an Fressbude, lediglich unterbrochen von Büdchen mit warmgemachtem übersüßtem Billigsuff aus der Großhandelspackung von Metro – ein einziges Fressen und Saufen XXL als gäbe es morgen schon nichts mehr.

Für das in der Regel minderwertige Angebot kann aufgrund der großen Nachfrage hingegen locker der doppelte Preis verlangt werden, den man sonst in seinem schäbigen Büdchen im U-Bahnhof oder im Industriegebiet für sein lausiges Essen bekommt. Der überall lauernde zu Glühwein vergewaltigte Billigfusel mit sangriagleichen Folgen für Hirn, Seele und Ausdrucksvermögen ergänzt das kulinarische Inferno symbiotisch und wird für teuer Geld in Massen an das vollkommen anspruchslose aber dafür selige Publikum ausgeschenkt.

Hier sind sie alle, hier fressen und saufen sich die Anwärter auf einen Hirnschrittmacher in Form des morgens schon besoffenen Onkel Ralle und des verzogenen, schon im Alter von drei Jahren übergewichtigen Klein Justin zusammen mit dem Alkoholiker-Urgestein Ursula, der in den letzten Jahren die ganze Bingogruppe an Leberzirrhose weggestorben ist, und den gackernden Micky-Krause-gröhlenden Vorzimmerdamen des Bezirksamts Pankow quer durch alle Stände, haben dämliche Weihnachtsmützchen oder ein drolliges Plüschgeweih auf dem Kopf, verschlingen in Rekordzeit die möglichst geschmacklosen und auf jeden Fall ungewürzten Industrienahrungsmittel mit der Extraportion flüssigen Pflanzenfetts und kippen den minderwertigen Industriealkohol mit Zimt und Zucker hinterher, für all das sie dann zusammen den Gegenwert dessen hinlegen, wovon andere Familien einen Monat lange überleben können.

Dafür entwickeln sie sich nach dem fünften Punsch mit Schuss noch weiter zurück als die Schimpansen im Affenhaus des Berliner Zoos, die sich gegenseitig die Korinthen aus dem Hintern pulen, singen „Finger in Po, Mexiko!“ oder „Geh doch zu Hause du alte Scheiße!“ und sind damit nur noch knapp vom Niveau dieser ganzen Schießbudenfiguren mit Schellenmützen entfernt, die seit Jahren aus dem Rheinland einwandern und im kreuzatheistischen Berlin versuchen, ihren bescheuerten Karneval zu installieren. Pfröööööt! Alaaaaaaf! Wollemosereilasse?

In all seiner Trostlosigkeit getoppt wird das ganze Elend nur noch von den allgegenwärtigen Betriebsausflügen mit uniformiert blinkenden Zipfelmützen, bei denen der Chef heute mal diejenige Fröhlichkeit verordnet, die während des ganzes Jahres überall auf der Welt nur nicht im Betrieb herrscht.
Die derart in Geiselhaft genommenen Kolleginnen und Kollegen müssen derweil so tun als säßen sie nicht viel lieber mit der Familie vor der Glotze als mit den ganzen Vollidioten, die man schon täglich über acht Stunden ertragen muss, in der Kälte am Glühweinstand und müssen zu allem Überfluss noch über die schalen Witze der bis zur Stufe ihrer Unfähigkeit beförderten Vorgesetzten lachen, die schon zu Zeiten der Bauernkriege altbacken und muffig waren.
Ganz gruselig anzuschauen, da ist in jedem Geiselcamp im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet mehr Stimmung in der Bude.

Der Gipfel des Trashs sind im Übrigen diejenigen Weihnachtsmärkte, bei denen neben den Fressbuden ganz viel sich drehendes Metall blinkt und leuchtet, also das was man gemeinhin Fahrgeschäfte nennt und so viel mit Weihnachten zu tun hat wie Karneval mit Zivilisation.

Zuckerbrot, sie fressen massenhaft Zuckerbrot und drehen sich im Kreise herum. Bling Bling. Ein Albtraum.

Der Einzige, den ich gelten lasse, ist der Rixdorfer Weihnachtsmarkt, der dieses Jahr wieder vom 07.-09. Dezember stattfindet. Der tut gut, weil er sich abhebt von diesen ganzen wahnwitzig überteuerten aber komischerweise trotzdem völlig überlaufenen blinkenden Kommerzmärkten, die Berlin pestgleich besetzt halten und alle niederen Instinkte hirntotgeschossener Konsumlemminge wecken. Sympathisch ist er nicht zuletzt deshalb, weil er nicht wie andere Weihnachtsmärkte von November bis Januar pausenlos die Grenzen des schlechten Geschmacks überschreitet, sondern sich dezent auf das zweite Adventswochenende beschränkt. Danke dafür.

Wir sehen hier an diesem schönen und sehr ursprünglichen Ort am Richardplatz viele kleine Initiativen und Vereine an wohltuend ungepimpten Ständchen, die Selbstgebasteltes und Handgemachtes zu Markte tragen, Kinder, die mit einer längst vergessen geglaubten Begeisterung Lose statt Drogen verkaufen, keine Hektik, keine künstliche Aufgeregtheit, kein Nepp, hier und da ein sympathisches Lächeln – kurz: Flair.

Nur den unvermeidlichen Glühwein, den gibt es hier auch, allerdings richtet er bei den Besuchern nur wenig Schaden in Auftritt und Contenance an, was sicherlich daran liegt, dass sich der Karnevalspöbel lieber auf dem Alexanderplatz mit viel Bling Bling zu „Finger in Po, Mexiko!“ die Lichter ausschießt als hier in Rixdorf. Gut so. Bleib so.

Rixdorfer Weihnachtsmarkt
07.-09.12.12 
Richardplatz
Neukölln

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