Von Drückerkolonnen und Drehtüren – die Schönhauser Allee Arcaden

Drehtüren Drückerkolonnen

Der Vorplatz der Schönhauser Allee Arcaden ist ein feindlicher Ort für jeden, der hier vorbei muss. Auf dem Platz finden sich in regelmäßigen Abständen die Geier diverser Drückerkolonnen ein – zwar ohne Flügel, dafür wie auf Speed aufgedreht, gerne mal vier bis sechs an der Zahl und schon von weitem köpfedrehend auf der Suche nach potenziellen Opfern, die sie sturzflugartig begatten können.

Betritt man den Vorplatz, wird in einer Geschwindigkeit, als hätten Vampire Blut gerochen, hyperaktiv mit Papieren fuchtelnd der Fluchtweg abgeschnitten, einige patschen animateurartig in die Hände, hüpfen gar, um den kurzen Moment Aufmerksamkeit zu bekommen, der ausreicht, um den potenziellen Geldgeber an die Angel zu bekommen.

„Schaun Sie doch mal, diese kleine Robbe, wie traurig die kuckt, weil sie gleich von einer Harpune…“

„Hier dieser kleine Eisbär, dessen Kopf gleich explo…“

„Wissen Sie eigentlich wie viele Menschen sterben, weil es keine…“

„Haben Sie eine Ahnung wie viele Bäume jedes Jahr…“

Gewaltloses Entkommen ist dabei fast unmöglich, höfliches hingegen völlig. Kein finsteres Gesicht, kein Ignorieren, kein Player im Ohr, kein „Nein danke“ oder „Mach dich weg, Schmeißfliege“ hilft und hält den Geier von seiner Nötigung ab. In-die-Fresse-Marketing als Verkaufsstrategie – sympathisch wie ein Stromkonzern.

Und hat man einen abgehängt, kommt der nächste.

Neulich:

„Guten Tag, wollen Sie die Berliner Zeitung haben?“

„Nein, ich kann nicht lesen.“

„Hollaaaahooooo, bleib mal stehääääään, eine Morgenpost vielleicht?“

„Nein, ich muss heute kein Lagerfeuer machen, also brauche ich keine Holzmedien, danke.“

„Hallooooooo duuuuuuuu-huuuuu-hu? Bleib mal stehen. Babyschutzbund. Magst du Kinder?“

„Ja, aber nur medium-rare und dann auch nur morgens auf Toast mit Meerrettich.“

„Heeeeeyyyiiiii-hiiii ich bin vom Tierschutz, kuck mal die Katze hier.“

„Geil, so ein Teil hab ich letztens in den Mixer gesteckt, war das ne Sauerei.“

„Hejaho-hooooo, hier ein Prospekt für die Wahlen. Mehr Netto vom Brutto! Hier habe ich einen Luftballon für Sie.“

„Och mein Gott, nicht auch noch die FDP. Wie weit geht es denn noch nach unten?“

„Huhuuuuuuuuiii-uiuiiii bleib doch mal stehn! Möchtest du den WWF unterstützen?“

„Nein, ich möchte den WWF brennen sehen.“

„Aber kuck mal der süße Hamster hier.“

„Cool, der passt genau in meine Mikrowelle. Da hängen noch die geplatzten Gedärme eures letzten Meerschweinchens dran, das stört den hoffentlich nicht?“

„Hallihallo. Wollen Sie einen Stresstest machen?“

„Danke, Scientology, sehr fürsorglich. Ich bin gerade finster gestresst. Wo muss ich unterschreiben?“

Die Schönhauser Allee Arcaden sind darüber hinaus unspektakulär. Ein Einkaufszentrum wie alle fünf Millionen Einkaufszentren der Stadt, geboten wird die übliche Soße aus H&M, New Yorker, Millionen Klamottenläden für Frauen, keinem für Männer, einer Apotheke, einem fürchterlichen Elektronikmarkt und zwei Schokoladenfressläden.

Und dann ist da noch die Pest Post, deren rekordverdächtige Warteschlange sich regelmäßig in die Halle ergießt und sich dann schlängelt, so dass man nicht mehr weiß ob man gerade beim Geldautomaten, beim benachbarten T-Punkt, C&A oder überhaupt irgendwo ansteht.

Im Eingangsbereich mischt sich unterdessen minderwertige Gastronomie in jeder möglichen Ausrichtung und ergibt eine langweilige, aber immer wieder skurrile Mischung aus Kekspizza, Hackfleischdöner, Allerweltseis, Asiapfanne, prekärem Backfisch und Schmuuuuuschies (Fruchtsaft). Wer frisst den Scheiß?

Unten gibt es Spielzeug, Lungentorpedos, zwei Supermärkte, Schreibwaren und natürlich – Happy Hippo Bionadeland Prenzlcraphill ole ole – ein Biosupermarkt und weil das nicht reicht auch noch ein Reformhaus.

Nur die Drehtüren muss ein Sadist konzeptioniert haben. Sie bleiben allein schon bei dem Gedanken, sich möglicherweise mehr als 20 Zentimeter der Glasscheibe zu nähern, stehen und ruckeln und zuckeln dann im 5-Sekundentakt weiter. Eine Tortur. Die hat jemand gebaut, der Menschen hasst. Saddam Hussein damals wahrscheinlich. Oder Kim Jong Il. Sung. Sum. Wan Tan. Angkor Wat.

Diese nichtsnutzigen Drehtüren bleiben so oft stehen und der Kunde dabei so oft stecken, dass ich das nächstemal die ganzen fürchterlichen Drücker vom Vorplatz dort einsperre, ein paar Hipsterfratzen vom Balzac dazupacke, die ganze verquirlte steckengebliebene Chose mit der nächsten Prenzlmutter-SUV-Hollandfahrradkiste für den Rest des Tages verkeile und dann ganz in Ruhe einkaufen gehe. Und wenn ich dann nicht gerade zur übelsten Postfiliale auf dieser gottverdammten Erde muss, kann es ein verdammt entspannter Einkauf werden.


Schönhauser Allee Arcaden
Schönhauser Allee 80
10439 Berlin

 

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