Unser Döner schmeckt super. Mit Soße spitze.

Nöldnerplatz Berlin Lichtenberg

Meine tolle Gewerkschaft, Speerspitze der Arbeiterbewegung und zu allem entschlossener Kämpfer wider Kapital und Ausbeutung, hat mir sagenhafte 3,81 € Tariferhöhung erhandelt. Nachdem sich die Begeisterung in Form von Jubelstürmen, Purzelbäumen und der spontanen Zeugung eines Stammhalters gelegt hat, war klar, worin dieser plötzliche Wohlstand angelegt werden wird: Döner. Und es ist vollbracht: Die Suche nach dem miesesten Döner der Hauptstadt hat ihr vorläufiges Ende gefunden. In Berlin-Lichtenberg. Am Nöldnerplatz in einem Bistro, das neben Döner und Chinapfanne auch noch eine siffige Ranzkneipe im Angebot hat. Früher warb der Imbiss mit dem fragwürdigen aber dafür einzigartigen Slogan

„Unser Döner schmeckt super. Mit Soße spitze.“

und gab damit ganzen Generationen an vorbeifahrenden Pendlern das Rätsel auf, was damit wohl gemeint sei. „Guten Tag, ich hätte gerne einen Döner ohne Soße.“ „Der schmeckt aber nur super, mit Soße wär er spitze.“ „Ach so. Na das ist ja doof. Dann bitte mit Soße.“

Der Innenraum besitzt den zweifelhaften Anti-Charme einer uralten Eckkneipe, die zuletzt zur Feier des Anschlusses Österreichs renoviert wurde, mit einem Interieur, das selbst der Roten Armee zum Plündern zu schäbig war, nur ohne diese üblen gelben Fensterscheiben mit Karomuster aus Berlin-Wedding, dafür mit uralten Stühlen in uraltem Holz, auf denen uralte Gestalten kauern, die sich sichtlich bemühen, nicht zu sehr zu schwanken, wenn sie sich bereits morgens nur noch notdürftig an ihrer Molle festhalten und eine Kippe nach der anderen im Aschenbecher verglühen lassen.

Dabei wird nicht gesprochen, nur ab und zu bellt einer der Krebskandidaten wie in einer Art archaischer Kommunikation Teile seiner Lunge auf den mit Spitzendeckchen im Oma-Style verzierten Holztisch. Hardcore. Endzeit. Danach kommt nur noch der Tod.

Was isst man hier nur? Ich habe kurzzeitig die Chinanudeln erwogen, aber die grinsten mir schon beim Reinkommen höhnisch entgegen, dort in ihrem braunen Fettsud hinter der Theke, und ihre speckigen Sojasprossen riefen dabei im Chor: „Nimm uns nicht! Wir schmecken nicht, siehst du doch. Weißt du denn nicht wie lange wir hier schon liegen? Wir haben schon Napoleon durchreiten sehen.“ Der Blick auf die Abbildung der Sauer-Scharf-Suppe ließ Tagträume von großen anonymen Fabriken irgendwo im Ostblock vor den Augen entstehen, in denen alle chemischen Instant-Zutaten von übernächtigten alkoholkranken einäugigen Zombies mit schlechter Haut und Mundfäule zusammengemischt und in Großhandelseimer für den Verkauf in Schuppen wie diesem hier abgefüllt werden. Und diese traurigen Hähnchen, die ich faltig und mit Löchern in der wabbeligen Haut auf ihren alten schwarzverrußten Spießen vor sich hin schmoren sah, ließen sich in keine Verbindung zu der goldbraunen Werbeabbildung draußen an der Fassade bringen.Das alles, diese ganzen food-designte Abbildungen und ihre schreckliche Realität, ist ungefähr so redlich als würde ein Tabledanceclub mit Laura del Rey werben und dann doch nur eine in Filz gekleidete Prenzlmutter mit Birkenstocklatschen, Pilatesflugblättern und Damenbart auf die Tische schicken. Döner.Eine Art von Döner zumindest, denn dieses Ding ist der traurigste Lappen, der mir jemals untergekommen ist. Und mir ist schon viel untergekommen. Der billige Fabrikfladen wird kaum getoastet und man hat den Eindruck, dass das Dreieck wahllos vom ganzen Stück abgerissen wurde, an einer Seite hängen Brotfetzen heraus, eine Ecke oben fehlt völlig und der Inhalt wirkt wahl- und lieblos hinein gestopft. Dafür wird eine Gabel mitserviert, deren Sinn und Zweck völlig im Dunkeln bleibt. Das sehr sparsam dosierte Fleisch ist profanes Hack, nur salzig und fettig und hat überhaupt keine Chance, sich gegen die unerklärlich eiskalte Sauce und das ebenso unerklärlich eiskalte Gemüse durchzusetzen. Das Gesamtwerk wird somit sehr schnell sehr kalt und damit in seiner ganzen sahnig-fettig-salzigen Brackigkeit noch unerträglicher als im warmen Zustand. Im Prinzip wäre der Inhalt mit der Bezeichnung „Kalter Kohlsalat Rot-Weiß mit Fleischeinlage“ treffend tituliert. Niemand kann das aufessen wollen. Schlimm ist gar kein Ausdruck. Wer das zweimal isst, der leidet wahrscheinlich auch sonst gerne.


Nöldner Bistro

Archibaldweg 20

10317 Berlin


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