Von Parktaschen zu Quarktaschen

Gethsemanestraße

Echt jetzt? Immer noch? Ihr kämpft immer noch für eure blöde Spielstraße? Tatsächlich drückte mir letzte Woche eine Prenzlauer Berg-Mutter einen Flyer in die Hand. Sie geben immer noch nicht auf. Sie wollen die Gethsemanestraße immer noch zur Spielstraße machen. Was soll das? Geben sie immer noch nicht auf?

Wie sich die Zeiten ändern. Früher haben sich die gelangweilten und von ihren Ehemännern alimentierten FDP-Honoratiorengattinen im Lions-Club um die Neubeaschung des Tennisplatzes, die Sanierung des Reitstalls oder um verwaiste Rassehundebabies gekümmert, um irgendwas zu haben, was ein wenig Abwechslung in den faden Alltag zwischen Spülmaschine und Bettenmachen bringt, irgendwas, was dem traurigen Dahinsiechen vielleicht doch noch mal ein kleines Stück Sinn verleiht bevor man irgendwann die Hufe hochlegt. Das taten sie üblicherweise im Verborgenen und ohne irgendwelche Mitmenschen außerhalb von Charity-Veranstaltungen mit ihrer Freizeitbeschäftigung zu belästigen.

Die grün-wählenden Mütterchen Prenzlauer Bergs – nicht minder gelangweilt – ticken da anders. Von wem auch immer alimentiert sitzen sie mit ihren Gören sinnsuchend im pastellfarben sanierten Altbau herum und suchen krampfthaft Themen, zu denen sie sich zum Wohle ihrer selbst und ihres Wurfes mit einer größtmöglichen Außenwirkung einbringen können:

Im Mauerpark wollen sie keine Bebauung, oder ein wenig Bebauung, nachhaltige Bebauung, halbe Bebauung, viertel Bebauung, es wird diskutiert, gesabbelt, sich die Hirnrinde blutig gequatscht und seit Jahren kommt nichts dabei heraus – außer einer Menge Flugblätter, einer Website und fünfzehntausend verschiedene Meinungen wie es weiter gehen soll.In der Kastanienallee wollten sie aus irgendwelchen Gründen nicht, dass die Bürgersteige erneuert werden, deswegen gab es dort Kinderfeste und wieder jede Menge Protest-Flugblätter. K 21 nannte man den Protest dort anbiedernd an die Stuttgarter Heimat, als ob es das besser machen würde.

Vom Helmholtzplatz wird berichtet, dass sich berufsbetroffene Eltern zu einer Initiative zusammengeschlossen haben, um die drei letzten öffentlichen Alkoholiker Prenzlauer Bergs von ihrer angestammten Tischtennisplatte zu vertreiben, weil das zu offene Zurschaustellen gesellschaftlichen Elends die Kinder in ihrer Entwicklung stören könnte.

Und die nächste Initiative kämpft vehement gegen jegliche Pläne, die Öko-Brut aus Bionadeland mit den Kindern muselmanischer Migranten aus dem Wedding einzuschulen, weil man Multikulti nur gut findet, wenn es ohne Beteiligung des eigenen Nachwuchses irgendwo in der prekären Suppe unterprivilegierter Bezirke stattfindet.

Zuletzt wollen sie nun aus der guten alten Gethsemanestraße rund um die gleichnamige Kirche eine Spielstraße machen, um ihren Bälgern noch mehr Raum in diesem bezirksweiten Kinderparadies zu schaffen. Spielplätze reichen nicht, Mauerpark, Erich-Weinert-Park, alle anderen Parks sowie Sandkästen im Innenhof auch nicht, es muss jetzt auch noch die Straße sein.

Wutbürger nennt man sie seit neuestem. Ich nenne sie Nervensägen.

Und so labern sie sich neben mir auf der Sitzbank des Kinderspielplatzes die Lippen in Fetzen: Spielplätze, Buddelkästen, Kindercafes, Pekip-Gruppen, Kinderyogatanzaufführungen auf dem Falkplatz, Kinder-Parkranger im Mauerpark, die Welt ist nicht genug, es muss noch mehr Raum her, nämlich genau der um die ehrwürdige Gethsemanekirche herum, die für all das, was in ihrem Umfeld und in ihrem Namen so gefordert wird, am allerwenigsten kann.Spielstraße. Spielstraße. Spielstraße. Mir bluten die Ohren. Ich habe ein Kind und ich will eure Spielstraße nicht. Das Kind lernt, eine Straße möglichst schnell zu überqueren, niemals darauf zu spielen und sich ansonsten vor euren Fahrrädern auf dem Bürgersteig in Acht zu nehmen.

Und die arme Gethsemanekirche würde, wenn sie denn könnte, bestimmt liebend gern einfach abhauen vor diesen ganzen eingewanderten Langweilern, die den Prenzlauer Berg mit ihrer heilig-ernsten Vehemenz am liebsten genauso nachhaltig befrieden würden wie dieses Provinznest, in dem sie aufgewachsen und vor dem sie einst in die Hauptstadt geflohen sind, um es hier dann genauso zu machen.

„Schwerter zu Pflugscharen“ hing mal am Zaun der Kirche, zu einer Zeit, als die Stasi die Aufrechten durch die Stargarder Straße gejagt hat, jene, die eine bessere Welt wollten und heute schon lange nicht mehr hier wohnen, jene, die Platz machen mussten für latteschlürfende Egomanen, Großmäuler, Fahrradnazis und Gebärzombies mit eiskaltem von-der-Leyen-Grinsen, die nun „Parkplätze zu Spielstraßen“ an den Zaun hängen und mit salafistischem Eifer vor einer evangelischen Kirche ihre alt-neue katholische Heilslehre verbreiten: Seid fruchtbar und mehret euch!


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