Amnesty drückt jetzt auch

Drückerkolonne
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Ja, schade, da sind sie, die Drücker von Amnesty, und sie machen mich so traurig.
Warschauer Brücke, einmal auf dem Bürgersteig rechts, einmal gegenüber auf dem anderen Bürgersteig, man kann also gar nicht ausweichen, wenn man Richtung Frankfurter Allee will, außer man hangelt sich an den Oberleitungen über die Gleise und schlägt sich durch das Gebüsch zur Revaler durch. Fuck. Also Augen zusammengekniffen, Gesicht „Bogdan der Türsteher“ aufgesetzt und den Versuch gestartet, durchzubrechen durch die feindlichen Linien, aber da kommt er auch schon angerannt, der Erste, er hat mich fixiert, angepeilt und jetzt beißt er zu, leicht hüpfend, patschehändchenwedelnd, armwinkend, gestikulierend, als treffe er gerade einen alten Freund wieder, der als verschollen im ewigen Eis galt: „HAAAAAALLLLLOOOOOO DUUUUUUUU-HUUUUUUUU! Willst du nicht blablablaseierseier“ salbadert er und stellt sich mitten in den Weg als würde er erwarten, dass ich dann sage „Hey, cool, wer hätte das gedacht? Ein Arschloch, das sich mir wedelnd und winkend mitten in den Weg stellt, toll, das find ich so gut, dass ich jetzt gleich eine Knebellastschrift bei Amnesty abschließe. Saug mich aus. Ja. Bitte. Ich brauch das.“

„Tut mir leid, ich hör Sie nicht“ sage ich aber leider nur und zeige pflichtschuldig auf meine Kopfhörer, aus denen zwar gerade nur eine ruhige Anfangssequenz von Apocalyptica läuft, aber das weiß der ja nicht.Er weiß auch offenbar nicht, dass das Nötigung ist, was er da macht.

Amnesty finde ich gut, prinzipiell, muss man ja, auch wenn sie sich gerne mal vor den Karren in Kirchen marodierender Pussys spannen lassen, die im Internet Klicks verkaufen wollten und sich ein wenig verspekuliert haben, nein, Amnesty ist gut, aber Drücker sind zum Kotzen. Zeitungs-Drücker. Tierschutz-Drücker. Rotes-Kreuz-Drücker. Malteser-Drücker. Jakobiner-Drücker. Und jetzt seit Neuestem auch Amnesty-Drücker. Immer wedelnd, immer hüpfend, immer winkend und immer mit dieser ekelhaften aufgesetzten guten Laune, von der ich endlose schlechte Laune bekomme. Wo sind nur Berlins durchgeknallte Gehwegradler, wenn man sie mal braucht?

Ich gebe gern, ich gebe oft, ich gebe, wenn ich kann, aber immer nur an Leute, die mich nicht nerven. Ich gebe nicht an rumänische Lautenspieler in der Bahn, die lauter Lauten spielen als mein Player im Ohr, nicht an Straßenzeitungverkäufer, die mich beim Essen stressen, nicht an S-Bahn-Siffer, die mich vor dem Schnorren schon beschimpfen und definitiv niemals an Drücker, die meinen, Frontalstressmarketing mit Brechstange und Vorschlaghammer ließe sich mit hohen moralischen Zielen vereinbaren. Nein. Ich unterstütze das nicht. Willkommen auf meiner Blacklist, Amnesty. Von mir ab heute nichts mehr.

Ja, schade, ich sah sie, die Drücker von Amnesty. Und sie machten mich so traurig. Tief kann man sinken.