Netto Ghetto Styler

Discounter
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Neonlicht blendet mich. Netto. Lagerhaftstyle. Kalt. Fahl. Doch ich brauch noch einen Kaugummi.
Die Kundschaft ist authentisch-dumpf, an der Kasse lockt ewig der Nahkampf: Von hinten hackt der Hackenfahrer in meine Hacken in seiner ganz eigenen irrtümlichen Annahme, es ginge dadurch schneller voran. Ich versuche, ihm zu erklären, dass es keinen Zusammenhang zwischen Hackenfahren und der Geschwindigkeit des Warenscannens gibt und ernte ein Starren. Ein Koks-Starren. Weit aufgerissene Augen, verkniffener Mund, Modell Robocop IX. Ein Verrückter hier bei Netto, kein Zweifel. Kopfkino: Littleton Schulmassaker.
Weil nichts vorangeht und von hinten immer weiter fleißig Hackenfahrer nachrücken, wird tatsächlich eine weitere Kasse aufgemacht, aber auch das geht nicht ohne Krampf:
Bimmel.
Stille.
Bimmel.
Stille.
„Kassäääääää bitte!“
Stille. „Kassääääääääääää bitte!“
Stille. „KASSE BITTÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄ!!!“
Stille.
„Juttaaaaaaa! Mönsch jeh ma anne Kasse verdammich!!“
„Ja, jeht nich.“
„Mach jetze! Scheiße!“
„Jeht nicht! Selber Scheiße!“
„Wat jeht’n da nich, Scheiße!“
„Hab die Palette! Scheiße!“
Irgendwann klappt es dann doch mit Jutta, Palette, Scheiße und so. Die Kasse öffnet. Was dann passiert ist Survival of the fittest at its best. Ich habe nur eine Kaugummipackung in der Hand, werde aber von einer Horde Russen mit losen Bierflaschen weggetackelt bevor mich eine Oma mit ihrem irrwitzig vollgemüllten Einkaufswagen anrempelt und an mir vorbeizieht. Die hat zu offensichtlich nur noch wenig Zeit. Der Koks-Starrer fährt mir derweil immer noch in die Hacken, es geht aber immer noch nicht schneller.
Nein, hier unten beim Discounter gibt es keine Freundlichkeit, hier regiert der Ellenbogen. Und sie haben hier keine Zeit. Wichtige Termine. Mit dem Sozialarbeiter. Bewährungshelfer. Mit RTL 2. Oder der eigenen Hand in der Unterbuchse vor dem Monitor.
Ich kann irgendwann meinen Kaugummi zahlen, das geht schnell. Airwaves. Dessen Geschmack schneller verfliegt als ich „Resozialisierung“ sagen kann. Etwa so schnell wie ich hier raus bin. Weg von Netto, weg von den Bekloppten. Denn die sind bei Netto. Überproportional. Das war schon immer so. Und das macht mich depressiv.
Aber es ist gut, dass es Netto gibt, der sammelt die alle und dann weiß man wo die sind, wenn man sie mal für eine neue Episode Frauentausch oder Mitten im Leben braucht. Da geht das Casting dann ruck zuck von der Hand. Spart Zeit und Nerven. Jedoch nur für RTL 2. Nicht für mich.

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