La Strada ist tot und mir ist auch schon ganz schlecht

Lederwaren
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Die Wichertstraße in Prenzlauer Berg heißt im Volksmund nur noch Seuchenstraße. Die einzigen Läden, die hier über längere Zeit überlebt haben, sind ein Gummipizzabäcker, der Waschsalon, ein Hausfrauenpuff und der Bestatter, was schon mal die Grundbedürfnisse Fressen, Waschen, Ficken und Sterben abdeckt.
Ansonsten beträgt die Halbwertszeit eines Ladens in der Seuchenstraße etwa sechs Monate, es findet ein ständiges Kommen und Gehen statt, man weiß nie, ob es die Änderungsschneiderei, bei der man gestern seinen Mantel abgegeben hat, morgen noch gibt oder ob der Asiamann nächste Woche nicht plötzlich ein Inder ist und ein Woche später doch wieder Obst oder Handtaschen oder beides verkauft. Das macht das Leben hier spannend, es ist alles in Bewegung, eine kleine Welt im Wandel. Verlassen sollte man sich auf nichts und gewöhnen an etwas erst recht nicht. Denn morgen kann das Liebgewonnene schon pleite sein.
Das Faszinierende ist, dass die konsequente Weigerung der Bevölkerung, in dieser Straße einzukaufen, die Glücksritter aus aller Welt nicht daran hindert, es immer wieder hier zu versuchen und immer wieder aufs Neue zu scheitern. Es ist eine Straße der Abenteurer und Optimisten, der Idealisten und Wünschelrutengänger, der Visionäre und Roulettespieler.
Nur hier war es möglich, für einige Monate einen Bastelladen und eine Kerzenzieherei zu eröffnen. Hier befanden sich mal ein Rollenspielladen sowie ein Lampenladen mit unbeschreibbar hässlichen Lampen im Oma-/Hipsterstyle, ein Selbstdruck-Shirtladen und ein Exotikreisenanbieter.Momentan wartet die Straße mit einem Laden für HipHop-Schuhe, einem Thai-„Nein, hier kriegen Sie keinen Blowjob“-Massagesalon, der unvermeidlichen Dependance einer Plastikfingernägelkette und einer Höhle für Kifferbedarf auf.
Einem nepalesisches Restaurant, das kürzlich nach jahrelangem Siechtum in dieser Straße verstarb, gaben hiesige Buchmacher von Anfang an die geringsten Chancen, denn dort griff man zuletzt zu Verzweiflungstaten wie Caipirinha für 2,50 € – eine völlig sachfremde Dumpingaktion, die unter Seuchenstraßenexperten ein klares Anzeichen für baldiges Absterben ist.
Die Änderungsschneiderei verkauft jetzt auch Filzpantoffeln. Ich mache mir Sorgen um meinen Mantel.
Und so ist es ein Kommen und Gehen, ein Hin und Her, ein Rein und Raus, und daher rang mir die Eröffnung des „La Strada“ – eines Ledermodengeschäfts – vor einigen Jahren nur ein müdes Arschrunzeln ab. Nee is klar – ein Ledermann also – ausgerechnet im ökologisch-korrekten Biedermeierbezirk Prenzlauer Berg, wo sich batik- und filztragende Tierknutscher, Blätteresser und Kombuchatrinker kumbayasingend Arm in Arm für die Rettung der Welt feiern, weil sie teuren Unsinn kaufen und jeden Tag ausgelutschte Naturjoghurtbecher für den Gelben Sack falten.
Haha, dachte ich, der hält sich nie – hier trägt doch außer mir keiner mehr Leder und ich alleine trage diesen Laden nicht. Der soll doch lieber einen Second Hand-Laden mit angeschlossener Armenspeisung draußen im Bonzenreservat Dahlem aufmachen, da stehen die Chancen besser.
Und doch – er kämpfte seit Jahren wie ein Berserker, rang mit sich und der Welt und vor allem um das desinteressierte Publikum, immer wieder mit Rabattaktionen, Räumung hier, Aktionen da und ich hätte nie auch nur einen Cent darauf verwettet, dass er den nächsten Monat noch erlebt.
„La Strada hat wieder Räumungsverkauf. Sie machen zu.“
 „Jaja, wie vor zwei Monaten, vor sechs Monaten und vor einem Jahr.“
„Im Ernst, da steht WIR SCHLIESSEN. Mit Ausrufezeichen. Und alles muss raus.“
„Ja, das steht da immer. Der macht immer zu. Seit Jahren. Und raus muss auch immer alles. Verzweiflungsendzeitpanikschieberei in Neonschildchen, die zum Kauf anregen sollen. Schnellschnell noch einen Lederponcho oder einen Gehrock, denn wenn La Strada zumacht, krieg ich nie wieder einen. Panik. Hysterie. Haha.“
Paff. Jetzt hat er doch zu. Nach so vielen Jahren Antäuschen ist er jetzt wirklich zu und drin ist nun der Picaldi, der die Miete für die prominente Ecke zwei Hausnummern weiter mit der Extraportion Laufkundschaft nicht mehr zahlen konnte, in die jetzt der Ernstings Family von gegenüber vom U-Bahnhof eingezogen ist.

Die Welt ist im Wandel. Alles ändert sich. Nichts bleibt wie es ist. Und La Strada ist tot und mir ist auch schon ganz schlecht.