Architektur für Menschenhasser

Berlin Greifenhagener Straße
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Dieses Gebäude neben der Brücke am S-Bahnhof Schönhauser Allee ist ein Beispiel für Architektur wie sie nicht unpassender zwischen die Altbauten Prenzlauer Bergs erbrochen werden könnte. Es steht exemplarisch für die Bankrotterklärung einer modernen Architektur, die sich zu allem Überfluss in ihrer ganzen Hässlichkeit nicht irgendwo auf dem freien Feld, wo man sie vielleicht ignorieren könnte, manifestiert, sondern hier im Kiez um die ehrwürdige Gethsemanekirche zwischen tadellos sanierte Altbauten, um die eigene Widerwärtigkeit in Gegenwart ästhetischer Architektur aus dem Beginn des letzten Jahrhunderts in völliger Verkennung seiner selbst noch zu unterstreichen.
Wer tut so etwas?
Als der finstere Bau fertig war, dachte ich zuerst, Kaufland würde hier eine Filiale eröffnen. Nachdem klar wurde, dass es selbst für Kaufland zu hässlich werden würde, dachte ich an eine Außenstelle der JVA Moabit oder der Botschaft Nordkoreas, aber dann sah ich dass es tatsächlich Wohnungen werden sollten. Da wohnen jetzt Menschen. Wahrscheinlich sogar freiwillig.
Man muss es aussprechen: Es ist ein nichtssagender, grauer, ignoranter, uninspirierter, langweiliger, widernatürlicher, düsterer, depressiver, lebensfeindlicher Betonklotz, eine Beleidigung des so liebevoll restaurierten Kiezes um die Gethsemanekirche, metaphorisch ausgesprochen ein prallgefülltes Furunkel mitten auf der Nase von Angelina Jolie und in seiner barbarischen Willkür nur mit der Sprengung der Buddha-Statuen durch die Taliban zu vergleichen.
Liebe Bewohner dieses Dings, ich bin mir sicher, ihr seid ganz wunderbare Menschen, Philantrophen sicher, Kirchgänger, Straßenzeitungskäufer und statistisch gesehen bestimmt auch in der Mehrzahl liebende Mütter, aber diesen Borgwürfel könnt ihr unmöglich ernst meinen. Bitte sagt mir, dass das nur der Rohbau und euch nur das Geld ausgegangen ist, dass da draußen noch etwas Farbe rankommt, vielleicht ein wenig Verzierung, meinetwegen auch Mosaiken, Graffiti oder Sprühsahne – irgendwas muss doch da noch kommen.

Ich hätte ja großes Verständnis, wenn das Gebäude als Parkhaus oder Atombunker für den Fall, dass der Iran Berlin bombadiert, Verwendung fände. Aber selbst dann hätte man es doch besser tarnen müssen, denn jetzt sticht dieser traurige graue Klotz inmitten der farbenfroh renovierten und mit Stuck versehenen Altbauten hervor wie eine traurige Emobraut auf einem Rave, ein Miesepeter unter Lichtgestalten, ein Berti Vogts unter Beckenbauers, eine Prenzlmutter unter H&M-Models.Und was dem sowieso schon überschwappenden Fass noch den Boden ausschlägt: Nicht nur bei Farbe und Stil wurde es versäumt, sich auch nur ansatzweise an die Gegend anzupassen, nein – nicht mal die Geschosshöhe harmoniert mit dem Altbau rechts davon. Hier stimmt einfach nix, wer in drei Teufels Namen tut sowas?

Nein, ich bin jedesmal fassungslos, wenn ich daran vorbeilaufen muss, und direkt im Anschluss tun mir die Bewohner leid, die wahrscheinlich den guten alten Bausparvertrag, der Oma selig Erbe und die Ersparnisse der Kinder für dieses Inferno geopfert haben und nun hier drin sitzen und von allen Altbaubewohnern Prenzlauer Bergs bemitleidet werden.
Der einzige Vorteil, den ich momentan sehe, ist, dass die moderne Architektur nicht nur um Welten hässlicher ist als die frühere, sondern auch weniger haltbar. 25 Jahre? 30? Wie lange hält so etwas heutzutage? Egal, dieser Borgwürfel ist irgendwann weg, das ist schon mal sicher. Man mag es fast bedauern, dass Berlin keine Erdbebenregion ist, dann ginge es vielleicht schneller.

Ein Kommentar zu „Architektur für Menschenhasser

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