Der Kopfgeldjäger, der den Schuss nicht hört

Stargarder Straße

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Der Kopfgeldjäger – sich früher Headhunter nennend, bis das Englische durch die grotesk-inflationäre Verwendung bei der Deutschen Bahn offenbar wieder zu uncool wurde – ist Prototyp und abschreckendes Beispiel eines „Szene-Friseurs“ wie sie in den 90ern massenhaft aus dem Prenzlboden schossen, nur um nach dem Millennium reihenweise wieder abzusterben. Nur in der Stargarder Straße hat man den Schuss nicht gehört und gibt sich weiter so desinteressiert pseudocool-abgespaced als hätte sich die Welt nie weitergedreht.

Das Personal erkennt man an dem bemüht gelangweilten Blick, angestrengt Verachtung für die Kundschaft vortäuschend, die sowas wiederum immer noch für cool und angesagt hält.

Hier stellt der zugezogene Dachgeschoßschnösel stolz sein Hauptstadtrocker-Shirt zur Schau und ergötzt sich daran, von arroganten Friseurinnen und Friseuren aus dem zu offensichtlich Brandenburgischen öffentlich mit Desinteresse und belanglosen Haarschnitten gedemütigt zu werden.

Dieses und den von Hartz IV-Center und Bürgeramt abgekupferten Nummernautomaten kann er dann der zu Besuch weilenden Verwandtschaft aus der westdeutschen Provinz als hauptstädtisch hip verkaufen bevor es dann weitergeht in die Touristenfallen um die Kastanienallee, wo er der schwerst beeindruckten Verwandtschaft aufzählt, welcher D-Promi wann hier schon gegessen, eingekauft oder einen anderen D-Promi auf dem Klo geknattert hat.

Hier wie auch in der Kastanienallee glaubt man immer noch fest an das Mantra „Beim Wichtigsein sehen und gesehen werden“, wobei sich mittlerweile nicht mal mehr die Penner vom Helmholtzplatz dafür interessieren, wer sich hier so alles die Haare schneiden lässt.

Aber die Aura schwindet unaufhaltsam, die letzten Veteranen sterben bzw. ziehen weg, denn die Stargarder Straße lebt schon viel zu lange vom längst verwehten Nachwende-Glanz, als die ersten Unterground-DJs ihre illegalen Raves im Keller veranstalteten, die Punks aus vergammelten Hauseingängen dem an versifften Biertischen sitzenden Publikum Bier ausschenkten und Til Lindemann auf der Straße besoffen seine ersten musikalischen Gehversuche rülpste.

Keine Ahnung, ob der Kopfgeldjäger diese Zeiten überhaupt je miterlebt hat, aber er wirkt unabhängig davon wie ein völlig deplatziertes, aus der Zeit gefallenes Überbleibsel in dieser geschichtsträchtigen Straße, deren traurige Höhepunkte sich mittlerweile in der Eröffnung von immer neuen Boutiquen erschöpfen.


Kopfgeldjäger
Stargarder Straße 76 
10437 Berlin