Zum Elefanten

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Zum Elefanten, Kneipe, Kreuzberg

Jetzt ist Kreuzberg dran. Nachdem es in Prenzlauer Berg nicht mal mehr eine Gargeneinfahrt zu gentrifizieren gibt und auch die Felle in Friedrichshain so gut wie verteilt sind, hat die Welle nun Kreuzberg erreicht.

Bisher beschränkte sich die Wohnraumaufwertung in Kreuzberg auf die Gegend um den Chamissoplatz und die Bergmannstraße, deren Wohnraum schon vor zehn Jahren kein normaler Mensch mehr bezahlen konnte.

Nun allerdings geht es ins Allerheiligste: Die Kreuzberger Oranienstraße – wie keine andere Straße in Berlin Symbol für Straßenschlachten und Befreiungskämpfe der 80er, steht sie nun immer mehr für Cocktailbars, Schicki-Micki und vor allem Touristen.

Da sitzt der pensionierte – von den vielen Niederlagen gegen Staat und Kapital desillusionierte – autonome Straßenkämpfer aus den 80ern heute als lebendes Fossil harmlos draußen vorm Elefanten, quatscht und chillt mit ner Molle in der Hand und wird von der pink-schrillen amerikanischen Touristin gnadenlos abfotografiert: „Ooouuuh these squatters are sooooouu freaky!“

Der Elefant ist wie das SO 36 ein Relikt in der Oranienstraße und wird wahrscheinlich die gleichen Kämpfe ums Überleben ausfechten, wobei ich dem SO deutlich bessere Chancen einräume, da die Macherinnen das Spiel auf der Empörungsklaviatur in Perfektion beherrschen und auch über eine gewisse politische Lobby verfügen, die dem Elefanten nicht vergönnt ist.

So kommen die Einschläge näher – links und rechts der Oranienstraße fallen die alten Kämpfer und ich fürchte es wird auch irgendwann den Elefanten erwischen. Denn der Mietzins ist gnadenlos und schert sich nicht um Geschichte und Traditionen.

Dabei ist es so gemütlich im Elefanten, der Vollsuff ist noch vergleichsweise günstig und das Publikum noch so wie es immer war: Bodenständig links – aber entspannt. Der Havanna-Cola ist gut eingeschenkt, das Barpersonal freundlich, sympathisch und verliert auch in der Hektik nie die Übersicht.

Auch wenn Elefanten eigentlich unter Artenschutz gestellt sind – der hier wird es wahrscheinlich nicht mehr lange machen.

Trauer ist durchaus angebracht.