Carik Kurujemis

Carik Kurujemis, Nüsse und Kumpir, Wedding

Manchmal verlasse ich das Bio-Elfenbeinparadies Prenzlauer Berg um mich zu erden. Im Wedding. Das muss sein. Sonst drehe ich auf lange Sicht vor lauter Trockenfrüchten, Dinkelkeksen und Biorauke komplett durch in Happy Hippo Bionadeland und bekomme Angst so zu werden wie diese ganzen biederen Mülltrennungs-Hausmütterchen, die hierher ziehen, um in zentraler Lage ihr Provinzdorf neu aufleben zu lassen.

Wedding ist wie Ausland. Oder vielmehr wie Großstadt im Ausland. Laut, Lärm, fremde Sprachen, fremde Gerüche, kein Bioladen, keine SUV-Kinderwagen, dafür viel Prekäres, Trinker auf Sitzbänken, von denen sie nie eine hysterische Mutter wegklagen wird, 10-jährige Kids mit Kippe im Maul dafür ohne Illusionen, keine Latte&Laptop-Wichtigtuer an prominenten Straßencafeplätzen, keine überdrehten Scheißläden mit bemüht-flippigen Namen, die überteuerte Hippieklamotten an die Hippiemutter bringen und nicht zuletzt gutes bodenständiges Essen zu günstigen Preisen. Wedding tut mir einfach gut.

So wie Çarik Kuruyemiş in der Müllerstraße. Der tut auch gut.

Angesichts der vielen räudigen Käseteigtaschen an den vielen räudigen Berliner Dönerbutzen in räudigen Berliner U-Bahnhöfen, die ich dort im Vollsuff meiner geistigen Kräfte zu verzehren gezwungen war, zögerte ich zunächst, einen solchen Börek zu bestellen, das Trauma sitzt eben doch sehr tief. Ich war aber dann doch froh dass ich es wagte, denn dieser Börek hat mit den trockenen Gummifladen der vielen furchtbaren Butzen Berlins so viel zu tun wie eine Prenzlmutter mit gutem Aussehen. Käsig, dezent salzig und gar nicht fettig. Schön endlich mal zu lernen wie gut Börek schmecken kann.

Die Hauptspeisen in Form der Kumpir-Kartoffeln mit beliebigen Toppings (sehr zu empfehlen: Safransalat, Kuskus oder der russische Salat) machen ordentlicht satt, sind außergewöhnlich gut und mit 3,90 Euro pro Kartoffel sehr günstig. Der großartige Mokka setzt dem ganzen noch eine Krone auf.

Zwei Kartoffeln, zwei große Wasser, ein Börek, ein Mokka schlugen zusammen für irgendwas um die 13 Euro zu Buche. Und ich rollte aus dem Laden wie ein adipöser Medizinball im neunten Monat. Selbst wenn ich meckern wollen würde könnte ich nicht.

Gut, der Service ließ gegen später ein wenig nach, so dass ich im halbleeren Lokal 10 Minuten vor kahlgefressenen Kartoffeln saß bevor ich dann doch noch den Mokka bestellen konnte. Ja, meinetwegen, hier ist noch ein wenig Potenzial zur Steigerung drin, aber sei’s drum.

Begeistert hat mich dann zuletzt noch die Tüte frisch (!) gebrannter Kürbiskerne in Salz, mit deren Schalen ich eine Spur zurück nach Prenzlauer Berg gelegt habe, auf dass ich jederzeit wieder zurückfinde – dorthin wo es noch gutes günstiges Essen gibt. Im Wedding. Der gut tut.