N-B1

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N1-B1, Sushi, Reinickendorf

Ich wundere mich manchmal, an welch unwirtlichem Ort manch wagemutiger Asiate sein Sushi feilbietet. Ich sah schon Sushi im Industriegebiet, am Weddinger Currywurstäquator, unten in einem staubigen U-Bahnhof und in der Marzahner Plattenbauwüste, wo – wie jeder weiß – ausschließlich Hackepeter jedoch keinesfalls Fisch roh verzehrt wird. Bald wird ein Sushimann auch auf der Rückseite des Mondes oder auf dem Kometen Hyakutake eröffnen und auch er wird frohen Mutes und guter Hoffnung sein, da bin ich sicher.

Diese Ecke des Reinickendorfer Eichborndamms kommt letzterem vom Kundenpotenzial her schon ziemlich nahe und man sieht es schon von weitem: Niemand sitzt hier, obwohl es Abend und damit eine gute Zeit für Sushi ist. Nebenan ist eine Shell-Tankstelle, vielleicht ist es das fahle Neonlicht im Nieselregen, das mich spontan ein wenig trübsinnig werden lässt.

Sushi in Reinickendorf, allein der Gedanke ist so bizarr wie Ausdruckstanz in der Hertha-Kneipe oder Leistungssport im Altersheim.

Und dann noch N-B1. Komischer Name. Das klingt nach Fernschach, Fernmeldecode, krampfhaft kryptischer Kram verkopfter Kellerkinder. Ich assoziiere spontan dicke CB-Funker mit dicken Kopfhörern auf den dicken Ohren, die mit dicken Fingern versuchen, ihre dicken Fernfahrerkumpel anzufunken während ihre seit Jahren vereinsamten Ehefrauen im Wohnzimmer sehnsüchtig Frauentausch auf RTL 2 schauen. „N-B1 an C-X5 bitte kommen! Habe Pizzareste auf dem Pulli. Over.“ Na gut, wenigstens heisst er nicht „Asia Wok“ oder „Chinapfanne billig billig“ wie in Treptow so gerne genommen.

Niemand drin. Ich sitze alleine. Verdruckst in der Ecke an der Wand. Mit Blick auf die Tankstelle. Schlimmstes erwartend. Karte kommt. Freundlich. Mein Deutsch wird verstanden. Viel wert das. Tolles Sushi. Überragend. Überraschend. Meine Güte Eichborndamm! Hier wo die begrabenen Hunde ganze Viertel prägen. Hier wo sich das Durchschnittsalter der Einwohner mit der Pensionsgrenze längst verstorbener Staatsdiener deckt. Hier im Gartenzwerg-Paradies der Reihenhäuser und vergilbten quadratischen Neubauten aus dem Aufbau-Programm 1948. Sushi. Hier. Ein Irrwitz. Wovon leben die? Wer zahlt die Miete? Ich doch nicht mit meinen popeligen 15 Euro für den rohen Fisch. Wahrscheinlich bin ich der erste Kunde seit der Eröffnung vor 10 Jahren. Deswegen freuen die sich auch so. Das Wasabi zieht mir einen Flächenbrand durch die Nase. Meine Augen tränen, ich seh nichts mehr. Wieder viel zu viel. Idiot. Aber gut das Zeug.

Der grüne Tee kommt im Beutel – Fail, Abzug – ist aber überraschend gut – Pluspunkt. In der Mitte sehe ich ein kleines putziges Sushi-Fließband – ein offenkundiges Symbol dessen was man sich hier einmal erhofft hatte. Nicht in Betrieb. Natürlich. Für wen auch? Ich sitze ja in der Ecke an der Wand, nicht auf dem Hocker.

Der Lieferant kommt mit leerer Kiste herein und geht kurz danach mit voller Kiste wieder hinaus. Ich bin erleichtert. Doch nicht der einzige Kunde dieses Jahr. Offenbar bestellt der Reinickendorfer in seinen schmucklosen Zweckbauten sein Sushi lieber verschämt nach Hause. Und beim nächsten Straßenfest mit Blaskapelle gibt’s dann wieder Bratwurst mit Senf zur Molle mit Korn. Uff-tata.

„Bis bald mal wieder, hoffentlich!“ wünscht der Freundliche zum Abschied. Seine Hoffnung ist greifbar und verstörend echt. Ich bin heute echt nah am Wasser gebaut und verdrücke ein Tränchen. Weil ich so selten hier sein kann. Und weil ich weiß, dass gute Leistung im Leben nicht immer Erfolg verspricht, wenn man es zur falschen Zeit am falschen Ort versucht.

Als ich wieder in der S-Bahn sitze, die natürlich wieder Verspätung hat und deren erster Waggon ihres viel zu kurzen Zuges sich wieder einmal nicht öffnen lässt, wird mir bewusst wie viele Leute ohne Leistung viel Geld verdienen. Und ich erwische mich dabei wie ich dem tapferen Sushimann am Eichborndamm beide Daumen in den Hosentaschen drücke.