Bazar Slubice

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Bazar, Markt, Slubice

Der Bazar in Slubice, von Chauvinisten gerne mal selbstentlarvend „Polenmarkt“ genannt, frönt seit Jahren leidenschaftlich seinem unvermeidbaren Niedergang.

In den 90ern war der Markt so etwas wie das Mekka für Schnäppchenjäger und dementsprechend überlaufen. Für harte DM konnte man dort so ziemlich alles erwerben: Von der Kalaschnikow über Nazi-CDs bis zu artengeschützten Reptilien, wahrscheinlich auch eine neue Leber, ein Spenderhirn, ausgestopfte Kängurus oder Schrumpfköpfe. Der Normalbürger, an derlei Tand nur selten interessiert, begnügte sich derweil mit den Waren oberhalb des Ladentisches in Form von Kippen, gefälschten Markenklamotten und Fusel.

Den klassischen Brandenburger hat man in Berlin in den 90ern daran erkannt, dass er stolz sein rosa T-Shirt mit schräg verlaufender Seitennaht zur Schau stellte, von dessen Hühnerbrust in großen goldenen Lettern „Adidas“ oder „Nike“ leuchtete. Dazu trug er gerne eine verwaschene „Levis 501“ mit zwei verschieden langen Beinen, gerne auch mit Loch in der linken Arschbacke und Turnschuhe von „Reebok“, die schon vorsorglich undicht wurden, bevor sie den Markt verlassen haben. Dann schnallte er sich noch die goldene „Rolex“ mit Glasperlen ums Handgelenk und versuchte damit, im Knaack Club zu Berlin Eindruck zu schinden, wo er dann aber zu seinem Leidwesen von allen, die was auf sich hielten, ausgelacht wurde.

Der Markt in Slubice war – wegen billig – entsprechend beliebt und daher voll mit Dumpfdeutschen aller Couleur, die hier in ihren bunten Bermuda-Shorts und ihren unvermeidlichen Tennissocken in den Kunstledersandalen mit der vom Sozialamt ausgezahlten harten DM endlich mal die dicken Eier markieren konnten, die sie noch nie hatten.

Und was stolzierten sie da durch die Gänge wie Lüderitz selig, handelten das minderwertige „Chiemsee“-Hemd noch von 5 auf 4,50  Mark runter, auf dass dem blöden Polacken noch ein paar Scheiben weniger Wurst zum Abendbrot bleiben, so substanzlos selbstherrlich in ihrem lange vergessen geglaubten Kolonialherren-Habitus und im Geiste schon wieder mit Pickelhaube auf dem Quadratschädel die alten Ländereien in Besitz nehmend, großmäulig wie überall wo der Dumpfdeutsche das Ausland heimsucht, hier noch schlimmer, weil er sich erst gar nicht im Ausland fühlte.

Das ist nach dem Beitritt Polens zur EU 2004 nicht besser geworden, es kamen jetzt nur viel weniger Besucher, weil die wirtschaftliche Erholung unseres schönen Nachbarlandes mit entsprechend steigenden Preisen auch bei Markenpiraterie dazu führte, dass man als deutscher Dummdödel mit seiner Stütze nun plötzlich nicht mehr auf dem Markt den dicken Großverdiener markieren konnte.

Und da standen sie nun sinnlos mit ihren leeren Einkaufstaschen auf dem Markt herum und beschwerten sich lauthals darüber wie teuer alles geworden sei.

Anfang 2007 fackelte dann jemand den Markt ab und nach dem Wiederaufbau fanden sich noch weniger Kunden ein, was aber wohl nicht am Wiederaufbau liegt, der deutlich aufgeräumter und sauberer als früher daherkommt. Nein, das Konzept „Ramsch für Billig Cash“ funktioniert je weniger desto mehr sich die Lebensverhältnisse hier in der Grenzregion zwischen Slubice und Frankfurt an der Oder angleichen. Billigschrott für die prekäre Masse gibt es mittlerweile auch in allen Pfennigläden auf deutscher Seite und viele Lebensmittel sind in Deutschland mittlerweile so viel billiger als in Polen, dass der Konsumtourismus inzwischen in die andere Richtung stattfindet und die Polen die deutschen Einkaufsmärkte leerkaufen, was viele dort ärgert, weil es eine unzulässige Umkehrung ihrer geistigen Ordnung darstellt. Ich für meinen Teil kann eine gewisse Schadenfreude nicht verhehlen. Man sieht sich eben tatsächlich immer zweimal im Leben.

Das Angebot auf dem Bazar hat diese ganzen Veränderung gar nicht erst zur Kenntnis genommen und sich  im Laufe der letzten 20 Jahre nicht substanziell der Marktlage angepasst, seine Preise hingegen schon. Man produziert also klassisch am Markt vorbei. Es liegt ja eigentlich auf der Hand: Ein „Hilfiger“-Hemd für 20 Euro lockt einfach niemanden mehr über die Stadtbrücke, wenn es sich das Ding nach der dritten Wäsche so verformt und verfärbt, dass man sich damit sogar in der Großraumproletendisco von Eisenhüttenstadt lächerlich macht. Und der Fusel in Form des in Polen traditionell guten Wodkas und andere Dinge des täglichen Bedarfs haben mittlerweile fast das Preisniveau Deutschlands erreicht, auch dafür lohnt sich die Fahrt nicht.

Und auch die Nazi-CDs gibt es immer noch, aber seinen niedere Instinkte ansprechenden Hirnfick holt sich der internetaffine Netznazi heute bequem von den diversen Sharing-Seiten in Übersee, dafür muss er nicht mehr nach Polen.

Bleiben eigentlich nur die Kippen, die sind im Vergleich zu Deutschland immer noch sehr günstig und bestehen auch nicht aus diesen Stängchen mit ukrainischer Stahlwolle, die hier in Berlin gerne von flink rennen könnenden Mitbürgern an den S-Bahnhöfen als Zigaretten angeboten werden. Aber auch das wird sich im Zuge der EU-weiten Harmonisierung relativieren und dazu führen, dass es der alte Bazar wahrscheinlich nicht mehr lange machen wird. So what, die Welt dreht sich weiter. Ich habe schon wichtigere Dinge sterben sehen.