Berliner Zimmer

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Berliner Zimmer, Café, Kreuzberg

Es gibt auch kleine schöne Ecken in so manch abgelegener Straße im Wrangelkiez, in dem man neben Chinanudeln, Spielhallen und Second-Hand-Läden viel Prekäres vorfindet, an diesem schon zu Mauerzeiten stark vernachlässigten Ort, wo ein zerrissenes Plakat an einer Hauswand möchte, dass man heraus kommt zum revolutionären ersten Mai, also dem ersten Mai vor vielen Jahren, wo einer Kirche vor lauter Verzweiflung nichts anderes einfällt als sich für Rockkonzerte und Betriebsfeiern zu prostituieren, ein Spielplatz vor sich hin zerfällt und der nebenan vor sich hin gammelnde völlig versiffte Görlitzer Park fast schon zu den besseren Ecken der Gegend zählt, zumindest im Sommer. Die Fassaden sind, wenn sie nicht bereits bröckeln, zugesprayt, mit Plakaten zugekleistert oder wenigstens bepinkelt. Hier fahren ausnahmsweise keine Fahrradfahrer auf dem Bürgersteig, aber auch nur deshalb, damit sie sich die Reifen nicht mit dem Hundekot einsauen, dem man hier nur schwer ausweichen kann.

Aber der Wrangelkiez kommt. Er wird hip. Noch beäugen die alteingesessenen siffigen Lottoläden, Chinabutzen und Trinkhallen auf der Wrangelstraße misstrauisch die mit wichtiger Miene „Angry Birds“ spielenden Kreativen vor ihren iPads, die es sich in den schicker werdenden Cafes in Richtung Skalitzer Straße gemütlich machen, noch wirkt das mediterrane Restaurant mit gehobenen Business Lunch merkwürdig fehl am Platze, man wartet fast auf die Ankunft der ersten Juweliere, der ersten Boutiquen, der ersten Holzspielzeugläden, Feinkostläden.

Aber noch trinken die Trinker auf den Pollern vor dem gammligen Nahkauf-Supermarkt, der noch prekärer als seine Kundschaft daherkommt, noch sind die Kinder vorwiegend ethnischen Ursprungs außerhalb der EU und spielen auf einem desolaten Spielplatz, der seinerzeit halbherzig in einer Bombenlücke aus dem zweiten Weltkrieg errichtet und augenscheinlich seitdem sich selber überlassen wurde. Passend zu den Kindern.

Doch der Kiez ist im Umbruch. Unübersehbar. In der Taborstraße, die ihr Dasein im Schatten der Touristenmeile Schlesische Straße und der bald unvermeidlich boomenden Wrangelstraße fristet, hat ein Cafe die Pforten geöffnet, das man eigentlich in Prenzlauer Berg vermuten möchte. Allerdings ist es für Prenzlauer Berg zu günstig und zu gut. Hochklassiger Kaffee trifft hier auf bemerkenswert guten Kuchen und setzt damit kulinarisch und qualitativ eine Marke, die in der Gegend noch ihresgleichen sucht.

Noch.