08/15


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08/15, Kneipe, Alt-Treptow

Hier sind sie also, all die Wendeverlierer, bei denen ich mich seit Jahren frage wo zum Henker sie seit den 90ern eigentlich abgeblieben sind. Keine Talkshows mehr auf RTL 2, in denen hemmungslos gejammert werden kann, keine Jammerreportagen mehr in der SuperIllu und nicht mal mehr ein mitfühlender Beitrag von Escher im MDR, nur noch das 08/15 in Berlin-Treptow.

Dieser für Alt-Treptow ach so symptomatische Ort schwitzt noch mehr als alles andere hier seine plakativ-verzweifelte Hoffnungslosigkeit aus – und das in wahren Sturzbächen. Die Molle und das Korn kosten hier irgendwas um die einfuffzig und ziehen folgerichtig das akkurat passende Publikum an. Kein anderer Ort in der Gegend, an dem laufend im Minutentakt Wortschöpfungen wie „Eymachsemirnochnpülsunnnkurzen“, „Kackarbeitsamtbratzenkeenekohlemehr“ oder „Eymannscheißwessipackey“ geboren werden.

Hier kann man noch anschreiben lassen, wenn es zur Auszahlung der Stütze noch ein paar Tage hin ist, weil die blöde Alte das Haushaltsgeld wieder für Babywindeln und Nahrungsmittel verbraten hat und man darf lautstark die Ungerechtigkeit der Welt anklagen, die fundamentalen Anteil an der eigenen völlig unverschuldeten Antriebslosigkeit hat.

Man findet dabei Verständnis bei einem Wirt, der sich geschmeidig dem von ihm geschaffenen Millieu anpasst und bereitwillig in den mehrstimmigen Jammerkanon einstimmt.

Doch Obacht, einige Themen sollten vom Gelegenheitsbesucher ohne Insiderwissen tunlichst vermieden werden: Das sind der Ost-West-Konflikt, die Arbeitsmarktsituation (welche letztlich in den Ost-West-Konflikt mündet) und die Zuwanderungsdiskussion (die ebenfalls zwangsläufig zum Ost-West-Konflikt führt).
Achtung: Selbst Diskussionen über Gartenmöbel, Alufelgen und die Elefantenbabys im Tierpark können hier ganz schnell in einen hochaggressiven Ost-West-Disput abrutschen. Es ist Fingerspitzengefühl gefragt.

Ja so ist es, hier sind sie, hier sind sie alle versammelt und klagen gemeinsam ihr Leid. Sollte es überhaupt noch einer Karikatur echter Jammerossis bedürfen, hier ist sie, mehrfach, wertvoll und anachronistisch wie ein lebender Dodo, denn hier lebt der DDR-Geist nicht nur, er hat auch Beine und trinkt Molle mit Korn. Es hat was von einem Zoo, nur Perspektive ist anderswo.

Ergo: Für einen gelungenen Abend an diesem Ort sollte man schon enorme Lust auf eine alkoholselige unterschwellig bis offen aggressive Grundstimmung über den ganzen Abend hinweg verspüren, dann liegt man hier goldrichtig. Viel Vergnügen.