Wins Spätkauf

img_20190112_1018435920942477237525644.jpg

Wins Spätkauf, Späti, Prenzlauer Berg

Mein Späti. Es ist ein Sammelsurium, ein Panoptikum der Warenwelt. Ich sehe Eis, Brötchen, Suff, eine halbwegs gelungene Weinecke, Schokolade, Käse und Wurst, Zeitungen, Kippen und Internet für 0,49 die Stunde. Und das hier, im vergessenen verschnarchten nördlichen Ende Prenzlauer Bergs, eingekeilt zwischen toskanischen Latte-Cafes, Lidl und zweihundertfünfzigtausend Friseuren.
 
Das ist so ein Laden, den man nur nutzt, wenn man hier wohnt oder beim zufällig vorbeilaufen gemerkt hat, dass man Bier vergessen hat für da wo man hin will, das ist der Laden, der hilft, wenn man um Mitternacht noch Bock auf eine fettige Geflügeltasche oder eine 300g-Tafel Milka Triolade (oder besser Schoko & Keks) hat oder beim Heimkommen vom Robotten mal wieder das Brot nebst Aufschnitt vergessen hat oder mitten in der Party der Alkohol ausgeht oder erst die Blättchen fürs Kiffen und kurz darauf sogar der Tabak. Dann braucht es so einen Laden. Der hilft dann in der Not. Auf die Schnelle. Und lässt sich das gut bezahlen. Die große Milka kostet irgendwas um die 3 Euro, der Wein ist okay, aber natürlich teurer als im Supermarkt, nur die Kippen kosten so viel wie überall. Lustige Mischung, Spätkauf-Fresskram und Bäcker meets Internet. Mutig. Hier nimmt jemand einen Existenzgründerkredit auf und wirft einfach so einen Kessel Buntes in die Welt, guter Dinge dass es funktioniert. Respekt.
 
Vor der Tür sitzen bereits morgens um 8 Uhr die letzten Suffis des Bezirks – vom mittlerweile geschlossenen anderen Späti gegenüber rübergewandert – und nuckeln an der Molle wie an der Milch. Sie werden etwa um 11 von den obligatorischen Müttern abgelöst, die hier die Zeit totschlagen und sich freuen, dass es das Getränke Casino nicht mehr gibt und niemand mehr herumlungert hier, wo die Kinder laufen lernen. Die Trinker verschwinden exakt dann, wenn die Mütter wach werden, in den nächsten Park und trinken da weiter – mit den Sternburgpullen vom Späti.
Abends, wenn die Mütter die Blagen zu Bett bringen, sitzen die Trinker dann wieder hier und trinken. Perfekte Choreographie – jeden Tag – und niemand steht niemandem im Weg. Friedliche Koexistenz zweier Welten.
 
Lustig ist die Kasseuse, denn sie unterbricht ihr Telefonat mit ihrem Macker, den sie gerade eben noch zusammengeschissen hat und schenkt mir ein einnehmendes Lächeln als hätte ich ihr gerade Blumen geschenkt. Solche Szenen schreibt nur das Leben, weil das im Film keiner glaubt und schon gar keiner sehen will.
 
Leider ist der Späti einer der vielen Veranstalter von Pfandflaschen-Lotterien in dieser Stadt, das heißt man weiß nie ob man die Flasche, für deren Rückgabe man gerade in der Schlange steht, hier überhaupt los wird. Das gilt bizarrerweise manchmal auch für Flaschen, die man hier gekauft hat.
 
Wer hat gesagt, dass Spätkäufe mit der Liberalisierung des Ladenschlussgesetzes out sind und absterben (—> ich war’s)? Die sind immer noch da weil sie immer nah verkaufen, was man spät nachts und/oder auf dem Weg irgendwoanders hin gerade so braucht. Und dafür gibt es immer einen Markt.