Uebereck

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Uebereck, Café, Friedrichshain

Das Uebereck merke ich mir.

Für wenn ich mal Bock habe, mich zu ärgern.

Das Ding ist so 90er, so gottverdammt 90er, aber nicht schön-nostalgisch 90er, sondern nervtötend 90er. Damals war das cool: Runtergerockte Pinte, verratzte Tische, wichtigtuendes Publikum mit Hornbrille und vorsätzlich provokant gelangweilter Service, der so tut als würde er nur irrtümlich hier arbeiten und stünde sonst mit Rihanna, Will Smith oder mindestens Daniela Katzenberger im VIP-Zelt vor dem Adlon und schriebe Autogramme für die Fans, die seit vorgestern hier campieren, um ihr Idol – den Kellner vom Uebereck – in seinem natürlichen Umfeld zu sehen.

Es dauert satte 10 Minuten, bis mal jemand an meinen Tisch schlurft und wissen will, was ich will.

Mein Wasser inmitten sinnlos massenhafter Eiswürfel, die jegliche Kohlensäure wegeisen, kommt nach weiteren 10 Minuten.

Ich schaue mich um, die Pinte ist zu einem Drittel gefüllt, mit mir sitzen 7 andere Menschen an 3 weiteren Tischen. Eigentlich kein Problem und kein Grund, 20 Minuten für Bestellung und Wasser zu brauchen.

Schnell geht hier wirklich nichts, auch nicht das Essen, ich dachte ja taktisch und nahm die Gnocci, die dürften am schnellsten gehen, dachte ich, weil ich es eilig habe, aber noch kurz was essen will. Alles andere von der Tafel wirkt zudem ein bisschen fad, kantinenstyle, vor allem wenn ich so sehe, was so an mir vorbeigetragen wird. 8,90 die Gnocci. Stolz. Für’n Mittagstisch. Ist aber das Günstigste hier.

Was nach einer halben Stunde kommt, ist nicht gut. Die Gnocci sind wachsweich wie Kartoffelbrei mit zu viel Milch, ungebraten und ihre Tomatenfüllung innen knallheiß, so knallheiß, dass sie mir direkt zwei Blasen in die Munddecke brennt, wie schafft man das? Das geht doch nicht, selbst aus dem kochenden Wasser können die innen nicht so heiß sein, das ist doch, das muss doch, das war doch die Mikro – jetzt weiß ich auch warum die so fies weich sind und warum die keiner mit ein wenig Salbeibutter oder sonst etwas noch einmal kurz in der Pfanne geschwenkt hat, wie man das machen sollte, wenn man es gut machen will. Labberlavagnocci aus der Mikro. Für 8,90.
Die beigefügten Cocktailtomatenhälften sind ebenso zu unnatürlich heiß, um frisch aus der Pfanne zu kommen und schmecken nach – heißen Tomatenhälften.
Mit Ausnahme von Heiß schmeckt das ganze Machwerk sowieso nach wenig, ein Hauch von Tomate sicher, der aber völlig untergeht, weil man offenbar den Rucola, den Schnittlauch, den Rollrasen oder was das sonst da an massenhaft untergemischtem Grünzeug sein soll, mit in die Mikro gepackt hat, was dann in der viel zu größzügigen Butter spinatgleich komplett durchmatscht, leider aber überhaupt nicht schmeckt.

Unter einem der Gnocci liegt bizarrerweise ein homöopathisch kleiner Haufen von drei winzigen Schnitzern gedünsteter Zwiebeln, ihres Zeichens die einzigen ihrer Art, so dass ich mich frage, was das da soll und wo das jetzt herkommt und ob das überhaupt Absicht war.

Und als Gimmick wird ein Schälchen sinnloser geriebener Discounter-Emmentaler dazu gereicht, der am Gericht kraft eigener Belanglosigkeit auch nichts mehr ändern kann. Parmesansplitter hätten das Gericht ja auch überflüssigerweise aufgewertet und das darf wohl nicht sein.

Unbegreiflicherweise bekomme ich eine schon etwas harte Fabrikschrippe im Körbchen zu den Gnocci. Was soll ich damit? Soll ich mir ein Gnocci mit Tomatenfüllung auf die Stulle schmieren? Für schlechte Zeiten?
Nein, lieblos, lieblos, alles so lieblos.

8,90.

Überzogen ist gar kein Ausdruck. Nicht einmal unsere unsägliche kulinarisch körperverletzende Kantine würde so etwas für ein Drittel des Preises servieren.

Wahrscheinlich schaue ich zu finster inzwischen und es dampft aus meinen Ohren, deswegen kommt auch niemand, um meinen Teller abzuräumen.

5 Minuten.

10 Minuten.

15 Minuten.

Sitze ich vor dem nicht ganz leergefressenen Teller, sichtbar fertig mit dem Essen, sichtbar fertig mit der Welt. Ich falte die Serviette über das Restessen. Es hilft nichts, niemand räumt ab.

Ich schaue neben mich. Dort sitzt man seit damals, als mein Essen kam, ebenfalls vor leergefressenen Tellern. Rien ne va plus.

In einem Anflug von Verzweiflung gehe ich an die Theke, bitte um die Rechnung und bekomme keine Antwort. Ich insistiere. Nichts geschieht.

Und es passiert auch sonst nichts, was mich betrifft, denn es wird gerade Milch aufgeschäumt. Danach wird Kaffee gemacht. Dann wird alles auf einem Tablett angerichtet. Es kommen Löffelchen hinzu. Dann gibt es noch ein paar Amarettini auf die Löffelchen. Und dann wird das alles fortgebracht. Es gibt mich nicht. Ich bin ein Geist.

Dann kommt ein anderer vom Rauchen/Quatschen/Rumstehen/Wichtigsein wieder, der mir seufzend erlaubt, ihn zu bezahlen. Ich runde auf, 20 Cent Trinkgeld, er rollt die Augen.

90er.

So 90er.

Damals lief das noch. Damals fand man das toll, cool, hip, alles war so neu, so fresh: Schnöselige Studenten aus der Provinz – jetzt mittendrin in der neuen Hauptstadt, place to be – oder nebenjobbende Spanier/Portugiesen/Inder/Tamilen auf Erasmusticket in Deutschlands Metropole, weil es für London oder Paris nicht gereicht hat, und die den Gast mit Blicken spüren lassen, in welcher Ritze der Schuhsohle in unmittelbarer Nachbarschaft zum eingelatschten Hundekot eigentlich sein Platz ist und wie sehr es unter Würde ist, den Pöbel hier an diesem Ort auch noch bedienen zu müssen.

Ostkreuz, Friedrichshain 2012. Nicht mal so eine hippe Gegend. Eher Entwicklungsgebiet. Boomtown in spe. Hier hat man den Schuss nicht gehört. Dass der Laden immer noch zu einem Drittel voll ist und dass es ihn unbeschadet seiner überteuerten Stümperei seit vielen Jahren gibt, ist etwas, was ich nicht verstehe und es ist ein Beweis, dass sich nicht immer der Beste durchsetzt – im Leben wie in der Marktwirtschaft. Sad but true.

Irgendwann wird es aber soweit sein und man hat alle potenziellen Gäste verärgert. Dann wird es ein Lokal weniger hier geben und ich glaube nicht, dass es jemand vermissen wird.