Druide

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Druide, Absinth-Bar, Prenzlauer Berg

Der Druide ist eine Bar zum Abgewöhnen – zur Entwöhnung wochenendlicher Besuche des Kiezes um den U-Bahnhof Eberswalder Straße stärkstens empfohlen. Man brüstet sich in prominenter Lage direkt an den touristischen Pilgerpfaden mit einer dreistelligen Zahl an Absinth-Sorten und gibt sich damit einen fast schon halbelitären Anstrich der Exklusivität, den man nicht mit Substanz zu füllen in der Lage ist, da einem niemand erklären kann, was diese ganzen Sorten unterscheidet. So schlägt der Protz den Tiefgang, der Gourmand den Gourmet, die Masse die Klasse, die Faust den Intellekt.

Was unterscheidet die ganzen Absinthsorten will ich wissen. Geschmack kann es nicht sein, Absinth brennt und schmeckt nach Anis, so dass nur noch Herkunft, Alkoholgehalt und Inhaltsstoffe zur Differenzierung herhalten können – was dann auch der Service nach einem längeren Blick aufs Etikett zur Unterscheidung hilflos als Erklärung feilbietet, kurz noch belanglose Allgemeinplätze als Nebelkerzen in den Raum wirft, um dann in einem plötzlichen Rückzugsgefecht hilflos einen Cocktail anzubieten.

Man hätte es auch vorher ahnen können. Schon der erste äußerliche Eindruck spricht Bände: Wir sehen ein dickes grünes Kunststoff-Transparent mit dem Wort „Absinth“ in überdimensionalen Lettern wie bei einem gewöhnlichen Dönerimbiss uninspiriert auf Deppenfang gehen, Brachialmarketing mit der Brechstange mit dem Understatement einer Bild-Zeitung, so dass schon vor Betreten ins Auge fällt: Ein Geheimtipp ist das hier wohl eher nicht – eine Einschätzung, die sich nach einem ersten Blick auf das Publikum umgehend bestätigt: Laut grölende dicke Amerikaner ohne Stil, Auftritt und Contenance, dafür mit fünf Jägermeister-Absinth-Mischungen in der aufgeschwemmten roten Birne, gackernde clownesk überschminkte Italienerinnen, offenbar frisch eingeflogen für 19,90 € mit easyjet aus Neapel, die sich den Tages-Absinth für 6 Euro in den Kopf stellen, wobei sie zur Aufrechterhaltung ihrer Selbstachtungsfassade so tun müssen als würden sie ihn genießen und vereinzelte Bayern und Hessen auf Brautschau, die sich im halbseidenen Berliner Untergrund wähnen und versuchen, möglichst uncool aus ihren Tommy-Hilfiger-Hemden zu schauen.

Der Druide ist deswegen eine Bar zum Abgewöhnen, da er anhand des ausladenden Angebots seiner Spezialisierung den Stil und das Wissen einer gut sortierten Whiskybar suggeriert, mit dem Ruch des ehemals Verbotenen kokettiert und dann doch nur Ballermann ist, in welchem sich die Pub Crawler aus aller Welt im Irrglauben, etwas besonderes zu erleben, das vorher schon vernebelte Hirn wegschießen und dann nur laut sind. Aber was soll´s, Absinth schmeckt ja auch nicht und brennt in der Kehle wie stinknormaler Fuselkorn aus der Pennerglückflasche von der Supermarktkasse. Stil und Klasse einer ordentlichen Whiskybar mit jazzigem Ambiente in Wohlfühlkultur kann mit so einem Gesöff, das seinen völlig überbewerteten Ruf einzig und allein einer kurzen Periode durchgeknallter alkoholisierter Künstler des vorletzten Jahrhunderts verdankt, sowieso nie erreicht werden, auch wenn man sich nicht wie hier so berechnend vorsätzlich auf das Abfüllen von Pauschaltouristen verlegt hätte.

Es bleibt ein banaler und fast schon ärgerlicher Gesamteindruck, so dass die einfallslose, jeden möglicherweise noch vorhandenen letzten Rest Gemütlichkeit dahinraffende Musikbegleitung im Ibiza-Stil nur die letzten Zentimeter der letzten Stufe in den Keller darstellt, der eigentlich schon längst erreicht ist.