Saray Warschauer Straße

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Saray, Imbiss, Warschauer Straße

Das alte Oktagon an der Warschauer Brücke nahe dem touristisch in Grund und Boden gelutschten Simon-Dach-Kiez, wo nun das Saray residiert, war immer gut für ein wenig Feststoff zum Alkohol, um dann später nicht nur dünnflüssig-alkoholisch-ätzende Materie auf den Friedrichshainer Asphalt kotzen zu müssen, sondern stets ein wenig Etwas mit Substanz, ein paar Brocken Döner etwa, die im Stakkato stacheldrahtgleich den Hals herauf und aus dem zitternden Munde heraus bollern wie aus einem Maschinengewehr und sich oft auch genau so anhören, wobei sowieso immer der Barkeeper schuld hat, der in den letzten der sieben Long Island Ice Teas mal wieder viel zu viel billigen Fusel reingeschüttet hat, den man nicht in sich behalten kann.

Und so ein Döner, der geht ja immer – vor allem des Nachts sturzbesoffen in Friedrichshain. Und für eine solide und nicht allzu miese Grundlage war das Oktagon immer gut. Das Essen blieb ob der Scharen der dönerhungrigen vom Pub Crawl in der Simon-Dach-Straße zum Hostel oder zur S-Bahn wankenden Touristen nicht allzu lange in seinem eigenen Fett liegen, so dass man wenigstens halbwegs frische Ware erwarten konnte – ein Massenbetrieb also, dessen Manifestation in einem von den ausladenden Ausmaßen her an einen Traktorreifen erinnernden Dönerspieß besteht.

Um eines gleich klar zu stellen: Gut war das natürlich nicht. Nie. Weder des Tags noch des Nachts. Das war von vorneherein klar und sprang anhand der touristischen Massenbelagerung schon von weitem ins Auge. Und ich verstehe das auch: Warum sich geschmacklich Mühe geben, wenn der nachtstreifende Suffpöbel aus aller Herren und Damen Länder mit akutem Alkoholhunger an dieser prominenten Ecke zwischen Simon-Dach-Tourimeile und S-Bahn auch an einem gefrorenen Tiefkühlschnitzel im ungetoasteten Lidl-Fabrikteigling lutschen würde, nur um dem in den umliegenden Cocktail Bars gereichten furchtbar überteuerten und fast immer schlechten Fingerfood zu entgehen.

You know what you get – das ist heute, wo die Hütte Saray heisst, nicht wirklich anders. Gut ist das alles nicht, aber macht zumindest mal satt.

Zum Angebot:

Sowohl Chicken- als auch Rindsdöner sind in jeder Hinsicht belanglos, obgleich man hier auf die übliche Hackfleischspießzumutung verzichtet und mit dem Schichtspieß zumindest einen kleinen Ansatz von Stil beweist. Weder Chicken noch Rind können allerdings geschmacklich überzeugen, es herrscht ein vorwiegend ungewürzter und fettiger Eindruck, lieblos und zum Teil auch ärgerlich, wenn sich im Chickenfleisch ein Knochen verbirgt.

Das Brot kommt fast ungetoastet und als übliches charakterloses Fladenbrot vom Fließband daher, vermag in seiner kalten Fluffigkeit das reichliche Fett des Fleisches und der Soße kaum zu halten und kapituliert in seinem körperlichen Zusammenhalt leider viel zu zeitig. Nahrungsaufnahme im Laufen mit Döner in der einen und Bierpulle in der anderen Hand ist damit nicht drin, wenn man eines der seltenen hier flanierenden Menschenkinder ist, die auch nachts auf gutes Aussehen und einen angemessenen Auftritt Wert legen.

Es ist sowieso davon abzuraten, diesen Döner tagsüber und ohne Einfluss alkoholhaltiger Getränke zu verzehren, dafür ist er für seine Zwoneunzig einfach nicht gut genug – als Alkoholbegleitung zur Deckelung bzw. Magenversiegelung der verschiedenen Alkoholika oder zur konsistenziellen Verdickung im Falle des Erbrechens der vorher im Unverstand konsumierten Alkoholmengen taugt er aber auf jeden Fall, was ja auch schon mal ein Wert für sich ist – morgens um 4 Uhr.

Bizarrerweise kombiniert man den Döner auf der Angebotsseite mit einer Chinanudelpfanne, serviert von einer wahlweise charmanten bis völlig desinteressierten Nudelbraterin. Das ist mutig.

Mut gehört auch dazu, diese Chinapfanne zu bestellen, da sie in ihrer ganzen ungeschminkten Hässlichkeit in der Glasvitrine zubereitet wird und den geschmacklichen Horror schon mit der Optik vorwegnimmt. Die einst gelben Nudeln haben auch hier die übliche fettbraune Farbe angenommen, glänzen speckig im Neonlicht und ergeben gemischt mit ein paar Sprossen und dem billigen Hühnerfleisch aus dem Großhandelseimer etwa ein so appetitliches Bild ab wie ein überfahrener Igel.

Die kleine Portion Armageddon kostet 2,50 €, die große 3,00 € – sie sind beide keinen Cent davon wert.

Dem Machwerk gelingt nämlich das leider sehr verbreitete Kunststück, zugleich fad und fettig zu schmecken. Das Saray verzichtet ganz offenbar auf den überschwänglichen und einstmals weit verbreiteten Einsatz von Glutamat, das mittlerweile einen ähnlich haarsträubend prekären Ruf hat wie die erbärmliche Berliner S-Bahn, eine nigerianische Prostituierte mit Aids, die es ohne Gummi macht oder die FDP.

Anyway, der sparsame Umgang mit Glutamat ist zwar lobenswert, stellt aber die Chinapfanne in ihrer Nacktheit und Primitivität gnadenlos bloß und zeigt schonungslos ungeschminkt, was für ein erbärmliches Wesen sie eigentlich ist wenn der traurige Zustand mal nicht mit Chemie überdeckt wird: Fettig und fad, banal und völlig ausdruckslos – nein, bitte nicht noch einmal, dann kann man es gleich lassen oder man lernt das Würzen. Oder besser gleich das Kochen. Oder man pflanzt noch besser Geranien auf dem Balkon an, macht Purzelbäume an Ampeln, wandert auf eine Bohrinsel aus oder tut irgendetwas anderes – außer Kochen.

Das viele Fett dieser Chinapfanne – mangels Masse ohne Fähigkeit, irgendeinen Geschmack zu tragen, da vorher einfach keiner da war – hat allerdings den unzweifelhaften Vorteil, dass nicht jeder Bissen mit Hochprozentigem nachgespült werden muss, da er nicht wie eigentlich erwartet kurz hinter dem Gaumen in Klumpenform festklebt. Nein, diese ölgetränkten Nudeln vom Saray flutschen durch den Rachen, dass es eine wahre Freude ist und präparieren den Rachenbereich als eine Art Gleitcreme vorbeugend dergestalt, dass jede potenzielle Rückreise der Mahlzeit zurück an die Oberfläche ohne größere Reibungen vonstatten gehen wird. Pluspunkt.

Der ganze geschmacklose Matsch entfaltet jedoch darüber hinaus keinerlei nachhaltige Wirkung, es entsteht nicht der Ansatz von Sättigung, im Gegenteil ist das Hungergefühl nach dem Verzehr paradoxerweise stärker als vorher. Wie das biologisch gehen soll, ist mir ein Rätsel, denn trotz des fehlenden körperlichen Nachhalls unter Umkehrung aller mir bekannten Verdauungsregeln (Regel Nummer 1: Nach dem Essen muss man weniger Hunger haben als vorher) entsteht unmittelbar nach dem Verzehr – sozusagen im post-oralen Sättigungsvakuum – das erwartete brackige Unwohlsein gepaart mit einem penetranten unstillbaren Flüssigkeitsbedarf, der bis in die Morgenstunden des nächsten Tages anhalten kann und erst verschwindet, nachdem der Morgenkaffee die Verdauung angeworfen und diese nutzlose, im Stuhlgang in der Kloschüssel angemessen manifestierte, Respektlosigkeit dem eigenen Körper gegenüber restlos in der Berliner Kanalisation entsorgt hat.

Die angebotenen Pidebackwerke zuletzt setzen nur einen faden Schlusspunkt hinter die Beschreibung dieses faden Ortes. Zu manchen Dingen fällt auch mir nichts mehr ein, denn es ist irgendein fader Hefeteig mit fadem Hack oder fadem Käse, für seine 2,50 ebenso wenig schmackhaft wie sattmachend, dass man es nicht einmal an die Enten der naheliegenden Spree verfüttern sollte, wenn man von den Tieren als Entenfütterer noch ernst genommen werden will.

Ihr Völker der Welt! Schaut auf diesen Döner! Stellt euch an und knallt ihn euch rein, wenn der Alkohol euch nach Kohlehydraten dürsten lässt. Das ist in Ordnung, aber bedenkt eines: Das ist nicht Deutschland hier und das ist auch kein guter Döner und erst recht kein gutes chinesisches Essen. Und auch sonst ist das hier nicht gut! Salute! Na zdrowie! Skal! Cheerio! Jamas!