Unser feines Restaurant

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Unser feines Restaurant, deutsch, Lichterfelde

Unser feines Restaurant, das klingt so toll, dass ich mich aus dem roten Osten auf eine Weltreise ins beschauliche Lichterfelde mache. Um gut zu essen. Die Fotos im Internet lassen gehobenes Ambiente erwarten und die Nutzer dieser obskuren Bewertungsplattform im Internet überschlagen sich mit Lob, also ziehe ich mir Hemd und Sakko an und putze nach Jahren mal wieder die Schuhe.

Muss nicht. Hätt ich nicht machen müssen. Der Name des Lokals und die Bilder im Internet sind ein Euphemismus – so richtig fein ist das nicht. Ich komme rein und sehe zuerst eine Kuchentheke, dann viele Oma Kowalkes beim Kännchen Kaffee und denke, ich bin aus Versehen beim Bäcker gelandet. Das ist relativ rustikal hier, genauso wie der übrige Gastraum, der so auch in einem Bahnhof stehen könnte ohne aufzufallen. Okay, stört mich nicht, aber Name, Bilder und Bewertungen lassen fast auf Michelinsterne schließen, so dass sich doch im ersten Eindruck etwas Ernüchterung im Raum verteilt.

Ernüchterung auch beim ersten Kontakt: Man hat meine Reservierung vergurkt. Das kann passieren.

Was nicht passieren kann ist der Dialog dazu:

„Guten Tag, Stevenson, ich habe für für 15 Uhr reserviert.“

(raschel)

„Öhm, nein, haben Sie nicht.“

„Doch, hab ich.“

„Nein, da steht nix. Ich kann Ihnen Familie Kasupke anbieten für 14.30 Uhr.“

„Nein, Stevenson, 15 Uhr, habe gestern angerufen. Ich kann mich gut daran erinnern.“

„Nein. Da steht nix. Keine Reservierung.“

„Ist es vielleicht trotzdem möglich, dass ich Platz nehme?“

„Da muss ich schauen…“

Ehrlich, ich bin nicht besonders anspruchsvoll als Gast, wirklich nicht, aber ein kleines Lächeln gepaart mit einer kurzen Entschuldigung für eine vergurkte Reservierung ist nicht so ganz abwegig. Das kann man schon mal machen als Lokal. Und nein, ich möchte mich in einem feinen Restaurant nicht wie ein Bittsteller rechtfertigen müssen, wenn ich eine Reservierung angebe, die ich tatsächlich gemacht habe, die es aber nicht mehr gibt.

Dann fällt mein Blick auf den Boden des Eingangsbereichs, auf dem viele Gäste viel Dreck von unter vielen Schuhen hinterlassen haben. Bahnhof. Da ist er wieder.

Das Essen, das dann kommt, ist zweifellos gut ohne allerdings herausragend zu sein. Der Basilikumpesto-Dip mit frischem Brot ist noch recht raffiniert mit echten Pinienkernen, die Suppe, die dann folgt, ist dann doch ein wenig zu salzig und zu sahnig, um gut zu sein.

Dann kommt mein Fischhauptgericht für irgendwas um die 17 Euro, von dem ich mir sehr viel versprochen habe. Der Fisch ist außerordentlich gut, auf den Punkt gebraten, jedoch leider nur von der Größe eines Post-It-Zettels, was in Ordnung gewesen wäre, wenn die Gesamtkomposition gestimmt hätte. Gehobene Küche für den dicken Geldbeutel definiert sich nicht allein an der mangelnden Größe des Hauptbestandteils der Mahlzeit, da muss alles stimmen, da muss geschmacklich ein Purzelbaum geschlagen werden, da muss die Komposition schmelzen im Mund und alle Sinne tanzen lassen.
No way. Die Beilagen zum kleinen Stück Fisch sind irritierend profan: Gedünstetes Gemüse ohne alles, wirklich ohne alles, aber vor allem ohne jegliche Würze, zwar knackig, aber sonst bar jeder Raffinesse. Es ist ein Stück Brokkoli, ein Stück Blumenkohl, eine Kaiserschote, ein paar Karottenstücke – gedünstet und das ist es dann auch.
Ja, man kann eine ziemlich einfallslose Zitronensoße drüber gießen, ja. Dazu kommt noch ein kleiner Ballen sehr anständiges Risotto.

Ja, gut, okay, sicher, gut, ja. Da kann offenbar jemand Gemüse dünsten und Risotto eindicken lassen. Gut, ja.

Begeisterung sieht jedoch anders aus.

Unterdessen kommt immer noch niemand auf die Idee, den ganzen Dreck am Eingang wegzufegen.

Dafür geht die sehr freundliche Inhaberin von Tisch und Tisch und hält einen kleinen Plausch. Wie Kolja Kleeberg im Vau. Pluspunkt.

Der als Fischbegleitung empfohlene Wein ist herausragend, was man für 8,50 die 0,2 auch erwarten kann. Stolz der Preis, lohnt sich aber.

Ich will noch einen Grappa und einen Espresso.

„Was haben Sie denn für einen Grappa?“

„Also wir haben einen Braunen. Und der andere ist von Chardonnay!“

„Ah ja.“

Ich weiß nicht, ehrlich, ich meine es nicht böse, aber Anspruch und Wirklichkeit klaffen hier ein wenig auseinander. Wenn ich irgendwas um die 90 Euro für zwei Personen hinlege, erwarte ich mehr: Bessere Beilagen, vielleicht eine Vanillenote durch buttriges Gemüse, kein Dreck auf dem Boden, den ich mir das ganze Essen lang anschauen muss und den, auch als ich gehe, noch keiner weggefegt hat, ein bisschen mehr Sachkenntnis, was die Produkte angeht und vor allem mehr Freundlichkeit, wenn man schon eine Reservierung vergurkt. Für 90 Euro hätte ich auch zu Kolja Kleeberg ins Vau gehen können, der kann komponieren und da hätte es noch kostenlose Promi-Zoo-Glotz-Atmo dazu gegeben. Ja, sorry, so nicht, echt nicht, nicht für den Preis.

Aber der Kuchen lohnt sich. Ohne Abstriche. Der ist in jeder Hinsicht einfach großartig. Muss man sagen. Ebenso der Espresso.

Aber dafür muss ich beim besten Willen nicht extra nach Lichterfelde fahren.