Palast Bistro

Palast Bistro, Döner, Alt-Treptow

In der Treptower Elsenstraße befindet sich das Palast-Bistro, das an diesem Ort schon alleine deshalb positiv hervorsticht, weil sich seine Gäste die obligatorische Molle erst mittags und nicht schon morgens in den Kopf stellen.

Dieses Palast Bistro – der Name ist übrigens ein dreister Euphemismus und astreines Paradoxon zugleich – hat für den Kiez offenbar Wohnzimmercharakter, man kennt sich, man hilft sich, man hängt hier zusammen ab, schlägt die Zeit tot, ist aber im Außenverhältnis eher auf Understatement bedacht und damit meilenweit entfernt von den üblichen emissionsreichen Treptower Bierprolls, die hier gefühlt die Mehrheit im Ortsteil bilden und im Alleingang für den ruinösen Ruf der ganzen Gegend verantwortlich zeichnen.

Hier im Palast Bistro ist von der sprichwörtlichen Treptower Hoffnungslosigkeit lediglich partiell etwas zu spüren, etwa wenn der braun-graue, mit dem Inventar schon fast bis zur Unsichtbarkeit verschmolzene Kettenraucher im hinteren Bereich des Lokals Teile seiner Lunge auf die Tischplatte bellt oder der seit Jahren ohne Unterbrechung seine Stütze am Daddelautomaten verprassende volltätowierte Camouflageträger schon wieder sein drittes Sonderspiel innerhalb einer Viertelstunde verkackt hat.

Das türkischstämmige Inhaberpärchen spielt dabei mehrere Rollen: Mama, Papa, Seelsorger, Feuerwehrmann, Sozialamt, psychosozialer Dienst und das alles mit Bravour und einem freundlichen Lächeln.

Diese absolut perfekte und ganz offenbar rein intuitive Beherrschung der Sozialklaviatur des hochprekären Umfelds nötigt zumindest mir allergrößten Respekt ab. So werden Gäste mit Namen angesprochen („Eh Ralle wie geht?“), die Inhaber auf Optimierungsmöglichkeiten hingewiesen („Ibo, hier musste ma wat anner Türschwelle machen, da fliechste ja uffs Maul“) und der unbekannte Noob wird hier sogar vom lebenden Inventar aufs freundlichste gegrüßt, auf dass er wiederkomme und irgendwann eins werde mit der Palast-Familie.

Im Ergebnis gelingt eine unbestreitbar freundlich-familiäre Atmosphäre, für Außenstehende nicht immer gleich zu fassen, aber dennoch vorhanden und augenscheinlich völlig intakt. Für den durch chronisch zerrüttete Familien traumatisierten Durchschnittstreptower schafft ein solcher Ort zweifellos Halt und Zugehörigkeit in dieser unsicheren Zeit.

Das ist zu begrüßen. Ich glaube, dass es trotz dieser allseits zerfallenden sozialen Strukturen noch nie einen Amoklauf in Berlin-Treptow gegeben hat liegt an den Inhabern von Lokalen wie diesem hier. Vielleicht sind all diese ja auch gut getarnte Sozialarbeiter auf der Gehaltsliste des Berliner Senats. Man weiß ja so wenig.

Genug Sozialromantik – kommen wir zum Handfesten: Die hier servierten Mahlzeiten bewegen sich preislich und qualitativ erwartbar wenig überraschend auf dem Niveau des Umfelds, aber warum auch nicht? Wer an diesem Ort für diesen Preis mehr als pure Sättigung erwartet, an dem muss das Leben bisher lichtjahreweit vorbeigerauscht sein.

Der Döner ist für seine zwodreißig der übliche banale Standard mit seinen banalen Soßen, seinem banalen Gemüse und dem unvermeidlich banalen Kaplan-Einheits-Hackfleischspieß.

Für Mutige, die über Mägen mit der Resistenz eines Betonmischers verfügen, wird darüber hinaus eine multikulturelle Spezialität angeboten: Es ist eine eher weniger raffinierte Kombination der berühmtesten kulinarischen Genüsse aus Italien und der Türkei, Pizza Orient genannt – ein Döner-Pizza-Mix für zwoachzig mit vielen frisch geschnittenen Knoblauchscheibchen und zentimeterdick derbschmelzenden Käse unter dem sehr reichlichen Dönerfleisch als Pizza-Topping.

Alter Falter, Hardcore, Armageddon, das ist der ultimative Knockout für alle Sensibelchen, der finale Headshot für jeden magersüchtigen Weizenkeimkauer und Kresselutscher sowie der manifestierte Kalorienbedarf eines ausgewachsenen Lichtenberger Gerüstbauers für mindestens eine Woche komprimiert auf einem Teller.

Krass ist überhaupt kein Ausdruck. Was mich betrifft, ist die Frage warum immer mehr Angehörige des prekären Alt-Treptow mit einer kapitalen Fettschürze durch die Gegend laufen, umfassend beantwortet: Pizza Orient für zwoachzig.

Was bleibt? Sozialstudien in Alt-Treptow vielleicht? Ja, durchaus. Zwei Tage Palast-Bistro und die Magisterarbeit schreibt sich ganz von selbst.